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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1916-01-01 · Heft 6 · p. Seite 422

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
60 (1916)
Issue
Heft 6
Article
Wesen und Mission des Judentums
Date
1916-01-01
Page
Seite 422 (sequence 22)
Language
German
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422 Wesen und Mission des Judentums. Als Ausdruck dieses Zustandes ist es zu betrachten, daß sich auch in den Kreisen der Juristen eine allgemeine Mißstimmung gebildet hat, und die Schule der Freirechtler dem Gesetze an sich die Fähigkeit abspricht, die Quelle zu der immer neuen Bildung von Methoden der Ungerechtigkeit zu verschütten. Es ergibt sich also nicht nur aus der Natur der Dinge* sondern auch aus den Zuständen unseres Rechtslebens, daß trotz aller sozialen Fortschritte bei uns die Gerechtigkeit nicht garantiert ist, weil der Idee der Gerechtigkeit *die Selbständigkeit mangelt und die Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens allein von wirtschaftlichen Motiven beherrscht wird. IV. Aus dem nunmehr abgeschlossenen Kapitel sollte sich er״ geben, daß in unserem Kulturleben eine Lücke klafft; daß* sofern das die Gesellschaft gestaltende Willensleben nur auf wirtschaftliche Betätigung gerichtet ist, selbst bei der günstigsten Charakteranlage eines Volkes zwar eine gewisse Annäherung zur Gerechtigkeit möglich, eine bewußte Hervorbringung und Er״ reichung des Gerechtigkeitszustands aber nicht möglich ist. Die Hervorbringung der Welt der Gerechtigkeit, der so״ genannten messianischen Welt, gehört nicht an sich zur Aufgabe der wirtschaftlichen Entwicklung. Dies ist die jüdische Idee prophetischer Welt- und Moralauffassung. Positiv haben wir die Hervorbringung der Gerechtigkeit bisher als eine selbständige ethische Betätigung angesprochen. Diese Betätigung gehört nach Art und Ziel zum religiösen Leben der Menschheit. Über die Religion im allgemeinen konnte ich hier nicht handeln. Indem ich aber das Wesen des jüdischen Geistes, be״ sonders der jüdischen Ethik dargestellt habe, habe ich zugleich das Wesen der jüdischen Religion geschildert. Soviel ist über die Religion im allgemeinen klar, daß sie gerade denjenigen Teil des menschlichen Wesens einzufangen sucht, der sich am weitesten von den Motiven der Unvollkommenheit und des•

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