Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Wesen und Mission des Judentums
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 420 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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42a Wesen und Mission des Judentums. jüdischen Volke zur Zeit seines politischen Bestandes, trotz seiner auf die Gerechtigkeit gerichteten Geistesart und der Wirksamkeit der Propheten. Auch im jüdischen Volke trat die Wehauffassung des Egoismus in Gegensatz zu der von den Propheten vertretenen, der Volksauffassung damals gar zu fernen Auffassung der Ethik. Wegen ihres qualitativen Gegensatzes schloß die eine Willensrichtung die andere aus; und die egoistische Weltansicht verhinderte Aufkommen und Durchsetzung der ethischen Ziele im sozialen Leben. Dieser Zustand wiederholt sich stets in der Geschichte. Solange nicht die Ethik zur selbständigen Wirksamkeit erstarkt ist, werden die Ziele der Gerechtigkeit nicht verfolgt. Im sozialen Leben selbst haben sie keine Stätte. Im sozialen Leben werden die Forderungen der Gerechtigkeit nur berücksichtigt, soweit sie sich den Tendenzen des Egoismus, die als maßgebend herrschend bleiben, anfügen lassen. Sollen die Forderungen der Gerechtigkeit aber nicht nur gelegentliche Berücksichtigung und immer wieder erneute Schädigung erfahren, so'muß die Klasse der Ethiker ihnen ein selbständiges Interesse widmen und sich nicht auf den Fortschritt des sozialen Lebens verlassen. Was die Lage der Gerechtigkeit in der Gegenwart anbetrifft, so werden bei uns die sozialen Kämpfe durch Organisationen von Interessenten geführt. Dementsprechend vollzieht sich auch die Fortbildung unseres Rechtslebens im wesentlichen durch die Wirksamkeit wirtschaftlicher Interessengruppen. Da es aber rein wirtschaftliche Interessen sind, aus denen heraus diese Gruppen sich bilden, sind die Ziele der Gerechtigkeit ihnen und Ihren Gliedern zu nebensächlich, als daß sie andere als nebensächliche Berücksichtigung bei ihrer Tätigkeit finden könnten. Das Ergebnis dieses Zustands in ethischer Hinsicht ist bei uns folgendes: Ist es auch nicht zu leugnen, daß besonders beim deutschen Volke der Gegenwart, das unserem Blicke am nächsten liegt:, mit den sozialen Kämpfen und durch die stete Beharrlichkeit seiner Naturanlage eine Erstarkung großer Klassen des Volkes eingetreten und dadurch die Widerstandskraft gegen