Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Wesen und Mission des Judentums
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 419 (sequence 19)
- Language
- German
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Wesen und Mission des Judeutums. 41:9 Stellung vom Sein und ihr entgegensetzt. Hieraus ergibt sich, daß ein aus dem sozialen Leben sich von selbst entwickelnder Zustand nie das ethische Endziel ergeben kann. Ist auch vielleicht auf Grund der Naturanlage der Menschheit vorauszusetzen, daß die Herrschaft der Ethik nie als absolut vollkräftige und unbeschränkte in die Erscheinung treten werde, und daß insofern ein gewisses Nebeneinander der ethischen nnd der egoistischen Welt stets vorhanden sein werde, so muß sich doch die Ethik selbständig durchsetzen; sie kann nicht aus dem sozialen Leben hervorwachsen wollen, sondern muß sich im Kampfe mit der egoistischen Welt des sozialen Lebens behaupten. Die geschichtsphilosophische Frage ist deshalb dahin zu beantworten, daß auf dem Wege der egoistisch-wirtschaftlichen Entwicklung die Ziele der Ethik nicht zu erreichen sind, die Ethik sich vielmehr, wenn sie üherhaupt als realisierbar gedacht werden soll, nur dadurch realisieren kann, daß ihre Forderungen nicht durch den qualitativen Gegensatz der anderen Willensrichtungen erdrückt werden, sondern aus dem eigenen Geist der Ethik heraus selbständig aufgestellt und verfolgt werden. Sokrates nannte Tugend eine Erkenntnis und meinte, daß man bei Mangel der Erkenntnis nicht ׳ tugendhaft sein könne. Diese Auffassung berührt sich mit dem, was wir über den Begriff der Gerechtigkeit und über seinen innigen Zusammenhang mit erkemitnistheoretischen Grundlagen ausgeführt haben. Enthält Gerechtigkeit, im Gegensatz zur Liebe, eine geistige Verarbeitung höchster Art des Weltbildes in der Richtung, daß die Existenz eines ewigen Zusammenwirkens von Kräften als dasselbe erkannt wird, so ist es selbstverständlich, daß diese Erkenntnis und ihre Wirksamkeit nur bei einer besonders geeigneten Seelenanlage gedeihen und nur in der kleinen Oberschicht eines Volkes unverkümmert in die Erscheinung treten kann. Es ist deshalb nur natürlich, daß das soziale Leben eines jeden Volkes mehr mit der unvollkommenen und vergänglichen Seite der Dinge rechnet und stets in starkem Maße von egoistischen, d. h. vorwiegend zerstörenden, Trieben beherrscht wird. So war es auch im