Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Wesen und Mission des Judentums
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 418 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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418 Wesen und Mission des Judentums. gangs kann auch dem Abfall vom Judentum, dessen Wert den mit ihm verbundenen Lasten oft nicht gleich erscheint, nicht gewehrt werden. Kann uns doch das Wesen des Judentums in solcher Zeit nur als historische Erinnerung, seine Hochhaltung nur als Sentimentalität erscheinen. Eine Eigenexistenz des Judentums erscheint im wesentlichen nur noch zur Beeinflussung niederer Schichten, gewissermaßen als Erziehungsinstitut dienlich, welchem Zwecke jede, dem Volk verständlich zu machende geistige Idee schließlich dienstbar gemacht werden kann. Und auch die Propheten und ihre herrlichen Schriften werden nur noch historisch genommen. »Sie wollten viel in ihrer Zeit. Heute brauchen wir sie nicht mehr. Eine solche Willensbetätigung der Gerechtigkeit, für die die Propheten lebten, hat keine ewige Bedeutung; heute hat sie ihre Wahrheit und Gültigkeit verloren. Wir׳ wissen heute, daß nicht Religion und ethische Zielspannung, sondern der soziale Kampf die Entwicklung der Gesellschaft schafft:« so sind wir heute zu sprechen geneigt. Aber dieser Geist ist nicht der rechte* Geist, der uns zu erhalten geeignet wäre. Wie er selbst nur ein Zeugnis der Schwächung des jüdischen Willens ist, so steht auch sein theoretischer Ausdruck, der erwähnte geschichtsphilosophische Zweifel, nicht auf der Höhe des geistigen Tatbestandes jüdischer Ethik. Kennen wir, wie dargestellt,. das Ziel der Ethik, die messianische Welt, als eine anders geartete Welt, als einen qualitativen Gegensatz zu der in der allgemeinen Auffassung beachteten Welt der zur Zerstörung bestimmten Vergänglichkeit, so kann das soziale Leben, das eben auf der Auffassung der Welt der Vergänglichkeit beruht, nicht die Motive zur Bildung des ethischen Weltziels enthalten und durchsetzen. Vielmehr muß die Ethik, so sehr sie sich durch Umbildung dieser sozialen Welt verwirkliehen will, Forderungen aufstellen, die sich selbständig und gegensätzlich zu dieser verhalten. Die ethische Welt, das heißt die ethische Vorstellung vom Sein, ist nach unserer Darstellung eine qualitativ andere als die egoistisch-wirtschaftliche Vor-