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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1916-01-01 · Heft 6 · p. Seite 417

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
60 (1916)
Issue
Heft 6
Article
Wesen und Mission des Judentums
Date
1916-01-01
Page
Seite 417 (sequence 17)
Language
German
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Wesen und Mission des Judentums. 417 Man könnte dies ohne übertriebenen Pessimismus dadurch erklären, daß das Judentum nach der langen Dauer des Ghettos und nach Ablauf der darauf gefolgten Zeit, in welcher der dringliche politische Kampf ausgefochten wurde, noch nicht dazu gelangt sei, in sich selbt einzukehren und zu einer Fortbildung seines eigenen Geistes zu schreiten. Aber jeder, der diese Darstellung von der Eigenschaft des jüdischen Geistes empfunden hat, muß das Fragezeichen fühlen: »Hier mag die Geistesrichtung der Propheten richtig beschrieben sein; haben wir denn noch einen solchen jüdischen Geist?« Oder liegt uns heute vielleicht nicht sogar die Anerkennung dieses Geistes fern, empfinden wir ihn nicht als irreal, unvernünftig, eine Anmaßung des Willens, die bei den Propheten zu Exzentrizitäten geführt hat, während wir sie heute überwunden haben? Wir kommen hiermit auf dasjenige Problem zurück, das wir zur Einleitung dieser Arbeit gemacht haben; zu der Frage, ob eine Einwirkung selbständiger, geistiger Ideale — besonders ethischer Ideen — auf die Entwicklung der menschlichen Gesell- Schaft überhaupt möglich und wirklich sei. Die Frage erscheint geradezu als die normale Kritik der heutigen Juden an dem Geiste ihrer eigenen Geschichte. Ist es wirklich das Wesen des geschichtlichen Judentums, sich der allmählichen Annäherung des sozialen Lebens zur Gerechtigkeit nicht schweigend allein zu überlassen, sondern die Entwicklung durch selbständig geschaffene Gerechtigkeitsideen beeinflussen zu wollen, so fragen wir, ob dieses möglich ist, ob nicht unsere Heldengeschichte eine Irrlehre ist. Diese Frage liegt uns allen nahe, da sie der Ausdruck unseres inneren Zweifels und des Kampfes um die Durchringung zu unserer eigenen Geistesart ist. Die allgemeine geschichtsphilosophische Frage bedeutet insbesondere den Zweifel an der Echtheit des jüdischen Wesens. Solange die Judenheit im Leben und Fühlen sich über diese Frage nicht hinweggehoben hat, muß sie innerlich schwach und haltlos sein, ln diesem Stadium der Schwäche und des Über- Monatsschrift, 60. Jahrgang 27

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