Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Wesen und Mission des Judentums
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 416 (sequence 16)
- Language
- German
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416 Wesen und Mission des Judentums. Willensleben in sich schließender Herr. Gott postuliert die Moral. Aber nicht wird umgekehrt — wie bei Kant — Gott von der Moral postuliert. Gott — das absolutwertvolle Ewige — bringt die Moral hervor. Alles dies ist nur ein Teil der allgemeinen Philosophie, die in dieser Arbeit nur angedeutet werden kann. 111. Die Entwicklung über den jüdischen Geist und die Idee der Gerechtigkeit führt notwendig zu einer aktuellen Frage; zu einer Frage, die mir der Eigenart des jüdischen Geistes gemäßer und für ihn wichtiger als die erkenntnistheoretische Grundlegung zu sein scheint. Ist der jüdische Geist Willensbetätigung im eigenartigen Sinne des Systems der Gerechtigkeit, so muß er, wie dargestellt, die sozialen Erscheinungen des Daseinskampfes nicht in! wesentliehen hinnehmen und sie anschauend verfolgen, sondern ihnen gegenüber und in Anlehnung an sie, als die naturhistorisch gegebene Grundlage, zieibestimmend, reformierend — man kann sagen, revolutionierend und umbildend — einwirken, indem er ein zur Selbständigkeit entwickeltes ethisches Endziel, einen quali־ taiiv anderen und höheren Weltzustand durchzuführen sucht. Da drängt sich die Frage auf: Gibt es heute noch so ein selbständiges — nicht im Wesentlichen anschauendes und hinnehmendes — Willensleben des Judentums, eine Betätigung auf Verwirklichung der Gerechtigkeitsidee, ein solches Spannungs- und Pathosverhältnis zum Menschenleben, kurz ein Judentum? Oder haben Jene recht, die in der kargen theoretischen Lehre voii dem ewigen und deshalb einigen Gott das ganze Leben des heutigen Judentums sehen; ein Gehalt, den wir dann nur noch als einen Überrest ehemaligen historischen Lebens bezeichnen könnten, weicher der mit seinem Wesen notwendig verknüpften praktischen Konsequenz und des geistigen Endziels beraubt wäre? Gibt es ein solches WiilensJeben nicht mehr, so gibt es auch nach unserer Darstellung augenblicklich kein Judentum mehr