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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1916-01-01 · Heft 6 · p. Seite 415

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
60 (1916)
Issue
Heft 6
Article
Wesen und Mission des Judentums
Date
1916-01-01
Page
Seite 415 (sequence 15)
Language
German
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Wesen und Mission des Judentums. 415 Welt, vermittelt durch die Wirksamkeit der Propheten, während die zu Grunde liegende Theorie wenig gepflegt wird. Ist hiermit die Erörterung abgeschlossen, so sehe ich mich doch genötigt, noch einige Worte zur Verteidigung meiner Ansichten anzufügen. Was ich ausführte, soll jüdische Philosophie sein. Es muß daher ohne Vorurteil aufgenommen werden. Besonders muß man nicht verlangen, daß es unbedingt mit der echt deutschen Philosophie Kants übereinstimme. Auch die Philosophie trägt das Gepräge der Nation der Autoren, so sehr sie Allgemeingültiges zu bieten sucht. Wer in der Ethik unbedingt die Betonung eines nur formalen kategorischen Imperativs sucht, wird alles, was ich über den Inhalt der Ethik und über den Zusammenhang des Willens und der Ethik mit der intellektuellen Anschauung der Welt gesagt habe, nicht würdigen. Ich halte aber daran fest, daß eine formale, gewissermaßen logische Ethik das Zusammenleben der Menschen nicht praktisch gestalten kann. Eine jüdische Betrachtung der Ethik wird ihren ewigen Inhalt aufzeigen, der sich allein als herrschende Lebensmacht erweist, und an dem sich erst als psychisches Verhältnis zu den anderen Inhalten die Herrschermacht — der sogenannte kategorische Imperativ — aufweisen läßt. Als diesen Inhalt finde ich Gerechtigkeit und Liebe, die beide wohl noch nie genügend betrachtet worden sind. Auch wenn ich von Gott als theoretischer Grundlegung der Ethik sprach, wird dies bei Kantbekennern Mißfallen finden. Aber Gott ist kein Postulat. Gott bezeichnet eine Weltanschauung. Weltanschauung ist aber Anschauung — im weiteren Sinne des Wortes—, d. h. intellektuelle Theorie. Nur ist diese Anschauung so weltumfassender Art, eben wahre Anschauung der totalen Welt, daß sie die psychischen Tatbestände des Fühlens und besonders des Wollens als fertig geschaute Tatbestände mitumfaßt. Gott ist deshalb eine Anschauung mit Herrschermacht, eine den Willen bewegende, moralische Gesetze gebende Person. So ist allerdings der Gottesbegriff kein toter theoretischer Tatbestand, sondern ein Willen schaffender, bewegender, das

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