Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Wesen und Mission des Judentums
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 414 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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414 Wesen und Mission des Judentums. schreiten. Bei einer solchen Geistesrichtung als Willensvolk treten die zugrunde liegenden Elemente mehr unter die! Schwelle des Bewußtseins. Bei ihrer Analysieamg und Ausarbeitung verweilt der Volksgeist nicht und zeigt nicht hierin, sondern eben vielmehr in den für das Handeln — für die Ethik —, gezogenen Konsequenzen seine Anlage und Meisterschaft. Die hier angewandte Schilderung des Gedankens der Gerechtigkeit, die sich mit der Darstellung der unbewußt vorhandenen erkenntnistheoretischen Grundlagen weniger befaßt, entspricht deshalb mehr dem Bewußtsein des jüdischen Geistes. Mag diese Darstellung also auch der erkenntnistheoretischen Ergänzung fähig sein, so gibt sie doch den Geist der jüdischen Ethik naturgetreu wieder. Es mag nur noch ergänzend darauf hingewiesen werden, daß wohl in die hier angedeutete theoretische Grundlegung des praktischen jüdischen Geistes die frühzeitige Schöpfung des Begriffes vom einigen Gott und das energische Festhalten an diesem Begriffe als Hauptbestandteil gehört. Aber auch dieser Bestandteil der Theorie ist gemäß der Eigenart des jüdischen Volkes etwas summarisch, gleichsam in geistiger Hast, vom jüdischen Volk konzipiert. Er gibt nur gleichsam die wichtigste gedankliehe Grundlage, weshalb anderseits auch umso energischer an der Richtigkeit des Begriffes festgehalten wird. Der Inhalt des jüdischen Gottesbegriffs bezeichnet nur, daß das Wesen der Welt so ist, daß bei richtiger Erfassung nichts Wertloses und Vergängliches an ihr bleibt, sondern das All zu einer gegenseitig sich erhaltenden, über allen Schein der Vergänglichkeit erhabenen Ewigkeit sich zusammenschließt. Über das Verhältnis Gottes zur vergänglichen Welt wird dabei wenig diskutiert. Die ganze psychische Entstehung des Begriffes bleibt ziemlich im Dunkeln. Er selbst mit seiner Macht über die Welt und den Willen tritt als etwas unbedingt Richtiges, Indiskutables und Selbstverständliches in der Literatur der Propheten auf. Der eigentliche Inhalt dieser Literatur ist entsprechend der dargestellten Eigenart des jüdischen Geistes die praktische Wirksamkeit der Gottesidee in der