Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Wesen und Mission des Judentums
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 412 (sequence 12)
- Language
- German
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412 Wesen und Mission des Judentums. von jedem wirklich erkannten Wert grundsätzlich ab. Sie sucht alles zu erhalten, solange es sich erhalten läßt, verliert sich im zufälligen Einzelnen und läßt dadurch den Wert durch den Unwert verkümmern. Hiermit ist die geringere, subsi diäre ethische Bedeutung der allgemeinen Liebe dargetan. Es könnte scheinen, als ob bei dieser Darstellung der Nachweis noch nicht genügend erbracht sei, daß das geschilderte Streben auf Gerechtigkeit wirklich in der Seele vorhanden sei. Wenn man in die geschilderte Geistesstimmung sich nicht ganz einzufühien vermag, kann man den Eindruck gewinnen, als sei die Entstehung des Begriffes der Gerechtigkeit nicht genügend klargelegt und deshalb seine geistige Realität nicht außer Frage gestellt. Auf diesen Einwand will ich etwas eingeh en. und auch die psychische Entstehung des Begriffes der Gerechtigkeit dartun. Wir haben, wie wir ausdrücklich betonten, den Tatbestand der Ethik und besonders der Gerechtigkeit gleich kurzweg durch analysierende Definitionen zu erklären gesucht. Aber wenn man sich die Entwicklung des Geistes als einen Aufstieg vom Einfächeren zum Komplizierten wissenschaftlich vorzustellen und klar zu machen gewöhnt ist, so kann man meinen, daß es passend wäre, die dazu gehörigen Geisteszustände der Anschauung und des Denkens vorher zu behandeln, um erst von da aus zu der Darstellung des hier in Betracht kommenden Wi\lenszustandes komplizierterer Art zu gelangen. Man könnte also eine Dar» Stellung des Zusammenhangs des Willensphänomens der Gerechtigkeit mit der erkenntnistheoretischen Grundlage für erforderlich halten, ln der Tat ist in der Psyche der Willens- Tatbestand nicht ■abgetrennt von dazu gehörigen Tatbeständen der Anschauung und des Denkens. Durch die Erkenntnis dieses Zusammenhangs würde die Erkenntnis der ethischen Wiilensrichtung .gefördert und die Sonderart der auf die Gerechtigkeit gerichteten Willensrichtung in helleres Licht gerückt werden. Aber über diesen Zusammenhang kann hier nur weniges gesagt werden. Es würde sich sonst die Darstellung eines völligen philosophischen Systems nicht vermeiden lassen. Nur soviel soll