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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1916-01-01 · Heft 6 · p. Seite 411

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
60 (1916)
Issue
Heft 6
Article
Wesen und Mission des Judentums
Date
1916-01-01
Page
Seite 411 (sequence 11)
Language
German
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Wesen und Mission des Judentums, 411 Tendenz des höheren positiven Willens überhaupt, bei dessen Anwendung es sich ergab, daß die Gerechtigkeit in viel höherem und vollkommenerem Maße als die Liebe die Tendenz des ethischen Wollens zum Ausdruck bringt. Hierbei ist berücksichtigt, daß die Liebe in zweierlei Form auftritt: als höchst individuelle Liebe — geschlechtliche Liebe, Verwandten- und Freundesliebe — und als Liebe zu den Menschen überhaupt. Unsere Wertung gilt für beide Arten der Liebe. Hinsichtlich der ersteren, auf persönlicher Verwandtschaft im weitesten Sinne des Wortes beruhenden Liebe dürfte ohne weiteres klar sein, daß ihr eine geringe ethische Bedeutung im Verhältnis zur Bedeutung der Gerechtigkeit zukommt. Diese Liebe ist ein ungeheuer wichtiger seelischer Faktor. Sie schafft die erste Gemeinde, die festeste Gemeinschaft, die stärkste Unterstützung auch für die Ziele der Gerechtigkeit. Sie ist aber mehr Mittel als dauerndes und klar erkanntes Ziel einer positiv aufbauenden Willensrichtung. Als Ziel betrachtet, käme ihr nur eine ganz ephemere Bedeutung zu. Die Liebe zu den Menschen überhaupt ist ein schwaches* wenig schöpferisches Motiv. Wegen der Schwäche ihres Inhalts ist sie schwer analysierbar. Sie hat anscheinend nur ergänzende Bedeutung und beruht auf der stets in Betracht zu ziehenden Möglichkeit, daß man in jedem Menschen Material zum Aufbau der gerechten Welt, oder auch einen liebenden Helfer bei der Tätigkeit des Aufbaus finde. Zur Unterstützung der Be- Strebungen der Gerechtigkeit kann sie deshalb aus der Betätigung nicht eliminiert werden. Sie enthält aber kein klar erfaßtes, selbständiges Endziel ethischer Betätigung. In Wahrheit ist uns niemals der einzelne Mensch Endzweck. Seine Erhaltung an sich lieben und erstreben wir nicht, sondern es liegt uns immer nur am wertvollen Menschen. Auf dieses Ziel des Werts steuert aber die Liebe nicht zu. Eine wahre Berücksichtigung des Werts, eine Tendenz auf seine Erzielung und Erschaffung enthält die Liebe nicht. Indem die Liebe höchstens die stets vorhandene Möglichkeit der Existenz eines Werts berücksichtigt, sieht sie

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