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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1916-01-01 · Heft 6 · p. Seite 410

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
60 (1916)
Issue
Heft 6
Article
Wesen und Mission des Judentums
Date
1916-01-01
Page
Seite 410 (sequence 10)
Language
German
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410 Wesen und Mission des Judentums. Es ist mir wohl bewußt, daß meine Wertung der beiden psychisch-ethischen Regungen zu der herrschenden Wertung im Widerspruch steht. Dieser Gegensatz ist wesentlich; er beruht auf dem Ergebnis der Analyse der beiden Begriffe. Er darf daher nicht verwischt werden. Die Abweichung der hier vorgetragenen von der herrschen• den Ansicht bedingt auch eine Abweichung von der herrschenden Darstellung über Inhalt und Wert des Judentums. Zu dieser sei hier nur bemerkt, daß die übliche Herabsetzung der Gerechtigkeit gegenüber der Liebe notwendig zu einer abschätzigen Beurteilung des Judentums führt in dem Sinne, daß dieses nur als Vorstufe des Christentums gewürdigt wird. Die tatsächliche Feststellung, daß das Judentum, im Gegensätze zum Christentum, sich mehr in der Geistessphäre der Gerechtigkeit bewegt, kann nicht angegriffen werden. Atmet doch selbst das gedankenreichste Kernstück prophetischer Literatur, das elfte Kapitel des ersten Jesaja, durchaus den Geist der erkennenden* vergeltenden, reinigenden und erhöhenden Gerechtigkeit. Es ist deshalb kaum zu begreifen, daß jüdische Theologen in Aneignung des christlichen Gedankengangs den Gedanken der Liebe als Inhalt des Judentums darzustellen suchen und damit die Existenzberechtigung des Judentums neben dem Christentum zu erweisen glauben. Ist die Gerechtigkeit minderen Werts als die Liebe, so tritt damit der Wert des Judentums zurück. Aber dieser apologetische Gesichtspunkt ist nicht maßgebend. Die Wertung hängt allein von dem philosophischen Gehalt der Begriffe ab. Der höhere Wert der Gerechtigkeit beruht auf ihrer im Verhältnis zum Ideengehalt der Liebe tieferen und klareren erkenntnistheoretischen Grundlage. Dies dürfte aus meiner Analyse des psychischen Inhalts der Gerechtigkeitsidee hervorgehen. Ich habe darauf hingewiesen, wie die Idee der Gerechtigkeit aus einer allgemeinen umfassenden Auffassung des Seins herauswächst und deren letzten psychischen Ausschlag, darstellt. Aus diesem Inhalt der Idee habe ich die Wertung unmittelbar abgeleitet. Den Maß stab der Wertung bildete die oben dargestellte

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