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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1916-01-01 · Heft 6 · p. Seite 409

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
60 (1916)
Issue
Heft 6
Article
Wesen und Mission des Judentums
Date
1916-01-01
Page
Seite 409 (sequence 9)
Language
German
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Wesen und Mission des Judentums. 409 betätigung erscheint. Dem Ziel und Gedanken der Ethik nähert sich aber weit mehr die Gerechtigkeit als die Liebe; sie ist der klarere Gedanke der Ethik, weshalb auch die Gerechtigkeit den endlichen Erfolg ihrer Betätigungsweisen, nämlich die wirkliche Weltumbildung zum Dauerwert vor sich sieht; während die Liebe über die Zerbrechlichkeit und Minderwertigkeit der Welt, deren negativen Wesensteil, nicht hinauskommen kann und in der Romantik, d. h. in der krampfhaften Erhebung aus dem Wirklichen in die schönere Welt des ewig Nichtwirklichen, ihre Ergänzung ersehnt und findet. Hieraus dürfte einleuchten, daß die Gerechtigkeit mehr einem stärkeren, beständig wirksamen Wiiiensleben als höchste Form entspricht; während die Liebe sich mit einer intensiven ständig wirksamen Willenstätigkeit des Geistes weniger paart, da sie zu einer bei dem mangelhaften Weltzustand stehen bleibenden, mehr zu dessen Anschauung neigenden Geistesrichtung gehört und sich von den Zielen des höchsten ethischen Willens ablenken läßt. Ich glaube darum richtig zu fühlen, daß der jüdische Geist, der in seiner höchsten Geistestätigkeit nicht anschauen, oder nachbilden, sondern verändern und die Menschheit entsprechend dem ideal des Willens umbilden will, sich der Ge״ rechtigkeit vorwiegend bedienen, in ihr sein Panier und geeignetes Werkzeug sehen, dagegen die Wirksamkeit der Liebe als etwas Nachgeordnetes empfinden muß. In der Betonung der Gerechtig״ keit glaube ich darum zwar nicht die gesamte Beschreibung des jüdischen Geistes, wohl aber das charakteristische Merkmal seiner Eigenart zu finden. Die Schriften der Propheten bestärken diese Auffassung, da ihr ganzer Inhalt Gerechtigkeit ist Es ist einerseits zugleich das Wesen der Ethik überhaupt und der Gerechtigkeit, und andererseits der höchste Gedanke des Judentums als eines Willensvolkes, die ich hier erfaßt und erklärt zu haben glaube. Über die Begriffe Liebe und Gerechtigkeit muß noch einiges nachgetragen werden, damit die analytisch-psychologischen Definitionen verstanden werden.

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