Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Wesen und Mission des Judentums
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 408 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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408 Wesen und Mission des Judentums. engsten verknüpft scheinen; schwebt der Gerechtigkeit nicht die Welt, wie sie augenblicklich ist, sondern so wie sie sein kann undsoll vor, um die Regeln des Verhaltens der Glieder einer solchen Welt, der geistig geläuterten und erkannten, der wertvollen Welt, zueinander aufzustellen und durchzuführen. Die Liebe tut Sisyphusarbeit. Es fehlt ihr in Auffassung und Betätigung das starke Zielbewußtsein, das der Gerechtigkeit eigentümlich ist. Es fehlt ihr das Vertrauen auf die Erhaltbarkeit des durch ihre Wirksamkeit zu Erhaltenden; denn es fehlt ihr die starke umbildende Auffassung des Ewigen innerhalb des Vergänglichen, der Trieb zur Herauswirkung und Schaffung des Erhaltbaren aus dem Zufälligen. Sie sorgt eben für das Vergängliche, wie sie es grade findet. Damit vergißt die Liebe gewissermaßen das Ziel des höheren Wollens, das oben beschriebene Ziel der Ethik, die Tendenz auf wahre Erhaltung. Während die Voraussetzung des ethischen Wollens das Innewerden eines gewissen Weltzustandes ist, nämlich des Zustandes der dauernden Erhaltbarkeit, auf welchem sich jenes Wollen erst aufbauen und herausbilden kann, gerät die Liebe in den Widerspruch des Setzens eines Nichtsetzbaren, des Wollens eines Nichtdurchsetzbaren. Dies liegt der Gerechtigkeit fern, ln ihr setzt sich der Trieb auf Erhaltung absolut durch. Weil die Gerechtigkeit wirkliche Dauerexistenz will, kann sie nur eine Welt dauerhafter Qualität erstreben. Sie will nicht unbedingt erhalten, sondern vor allem umbilden zum dauernd erhaltbaren Dauerwert. Durch dieses deutlichere Bewußtsein ihres Inhalts und ihres Ziels unterscheidet sich die Gerechtigkeit von der Liebe und erhält ihren höheren ethischen Wert. Es dürfte klar sein, wo die gemeinsamen Wurzeln von Liebe und Gerechtigkeit sind, wie ihre Gebiete sich teilweise decken. Beide sind ethische Regungen des Erhaltens von Existenzen. Wie längst erkannt, stehen sie als ethisch im Gegensätze zum Egoismus, dem der Erkenntnisblick auf eine andere als eine vorübergehende Existenz abgeschnitten ist und die Zerstörung, das Negative, deshalb als selbstverständlicher Bestandteil der Lebens-