Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Wesen und Mission des Judentums
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 407 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829873-2829880-2893866--42396-2893888- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wesen und Mission des Judentums. 407 System der Verhaltungsweisen der Glieder einer so absolut wertvollen Welt zueinander, die mit der Unersetzlichkeit und Unablösbarkeit — im philosophischen Sinne: Unveränderlichkeit — der Glieder der Welt rechnen. Auf den jetzigen Zustand der Gesellschaft bezogen, d. h. als praktisches Gebot verstanden, enthält die Gerechtigkeit das System der Pflichten derjenigen Menschen, die sich der Hervorbringung, Pflege und Berücksichtigung von Menschheitskräften widmen, die nicht zur Zer- Störung oder Aufhebung, sondern zur Dauerwirkung und Erhaltung geeignet sind. Der Kern aller höheren Willensbetätigung, auf dessen intellektuelle Begründung noch kurz eingegangen werden wird, ist der Erhaltungstrieb. Erhaltungstrieb bedeutet bei klarer Auffassung des darin enthaltenen Gedankens: den Trieb auf Heraus- Wirkung und Erhaltung eines Erhaltbaren innerhalb des Vergänglichen der Welt, den Trieb auf wahre und dauernde Erhaltung, Dieses macht den positiven Charakter alles höheren Woilens im Gegensatz zum niederen Wollen, dem sogenannten egoistischen Wollen, aus, welches letztere mehr auf der Unmöglichkeit und Unglaub- Würdigkeit eines Dauernden und Wertvollen gegründet ist, und deshalb wesentlich mit der Zerstörung rechnet. Dem höheren Wollen entfällt im Gegensatz hierzu sogar die Bedeutung des natürlichen Wechsels, des Todes, gegenüber dem Bewußtsein von einer dauernden Kraftexistenz in den Dingen und deren Wirksamkeit. Es geht von der Vorstellung des Beständigen aus und kann sich deshalb auf die Erhaltung richten. Während sich aber die Liebe ohne gedankliche Umformung der Welt und trotz des nicht überwundenen Bewußtseins der Schwächlichkeit und Gebrechlichkeit derselben einfach mit der Welt beschäftigt, wie sie diese vorfindet; wobei sie gar kein Ende der Tätigkeit findet und sich nur notdürftig gerade den schwächsten Teilen, die oft wenig von Dauerwert in sich tragen, hingeben kann; oder — bei einer anderen Form der Liebe — noch denjenigen Existenzen hingeben kann, die detn Liebenden am nächsten verwandt, mit seiner eigenen Existenz und deren Bedürfnissen am