Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Wesen und Mission des Judentums
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 406 (sequence 6)
- Language
- German
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406 Wesen und Mission des Judentums. eherne Klang der Gerechtigkeit, von dem die heilige Schrift,, besonders die Reden der Propheten, ständig wiederhallen. Die Richtigkeit dieser Auffassung soll hier nicht weiter literarisch nachgewiesen werden, zumal die Aufgabe dieser Arbeit hauptsächlich eine philosophische ist. Es soll hier das Problem »Liebe und Gerechtigkeit« selbst und der Zusammenhang desselben mit der psychischen Grundlage eines bestimmten Willenscharakters dargesteift werden. Es genügt darum, hier darauf hinzuweisen, daß es besonders die starke Betonung der Vergeltung, Bestrafung und Läuterung im jüdischen Schrifttum ist,, die die Herrschaft des Gedankens der Gerechtigkeit beweist. Das Problem »Liebe oder Gerechtigkeit« enthält andererseits zugleich die eigentliche Kernfrage der Willenswissenschaft, das. bisher wenig erkannte Problem der Ethik. Ich wende mich also jetzt einer zweifachen Aufgabe zu, wenn ich dieses Problem untersuche. Es gilt zugleich der Erörterung der Hauptfrage der Ethik, nämlich der Frage nach der Wertung der beiden ethischen Willensrichiungen Liebe und Gerechtigkeit, wie aiich andererseits der Darstellung des charakteristischen Merkmals der Eigenart des jüdischen Geistes. II. Der Kürze halber will ich das Problem, um die Erörterung abweichender Ansichten möglichst zu vermeiden, durch bloße Definitionen der beiden Begriffe beleuchten. Ethik gehört zum Geistesleben nicht des Anschauens oder des Erkennens des Gegebenen, sondern des Veränderns der Wirklichkeit durch Willensakt. Zum Begriff der Gerechtigkeit gehört untrennbar die Vor- Stellung einer in allen Teilen absolut wertvollen und dem Untergang trotzenden Welt, was die Propheten das messianische Zeitalter nennen. Die Voraussetzung der Ethik überhaupt, und besonders der Gerechtigkeit, ist einSein, das nicht zugleich Nichtsein (Vergänglichkeit), sondern wahres Sein oder Dauer und damit zugleich höchster Wert ist. Die Gerechtigkeit ist das־