Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Wesen und Mission des Judentums
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 405 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wesen und Mission des Judentums. 405 wendigkeit der Durchsetzung des Gottesreiches au! Erden. Hierin besteht ihre Eigenart. Sehen wir so in dem Willenscharakter die Eigenart des jüdischen Volkstums und der jüdischen Religion, so kann uns die Lehre vom einen Gott, au! die wir noch kurz zurückkommen werden und deren Wichtigkeit nicht bestritten werden soll, doch nicht charakteristisch genug erscheinen, um den Höhepunkt der Entwicklung jüdischen Geistes erkennen zu lassen. Es müssen vielmehr Probleme der praktischen Behandlung der Welt, bezw. der menschlichen Gesellschaft sein, in deren eigenartiger Erfassung sich das Judentum auf seinen! Höhepunkte offenbart. Nicht Fragen der Betrachtung und Beschreibung des Wirklichen, sondern nur die Behandlung von Problemen, der Einwirkung auf die menschliche Gesellschaft zum Zwecke der Erreichung der von der Idee vorgeschriebenen Ziele kann zur Charakterisierung des Judentums dienen. So komme ich auf das Problem »Liebe oder Gerechtigkeit.« In der Betonung der Gerechtigkeit vor der Liebe sehe ich das Kennzeichen der eigenartigen Willensrichtung des jüdisch-religiösen Geistes. Daß das Problem, ob Liebe oder Gerechtigkeit die höhere Form der Betätigung sei, gerade diejenige Frage enthält, die sich nicht dem anschauenden, ästhetischen Geiste auftut, wohl aber demjenigen Geiste, der auf eine selbständige Verwirklichung der Willensziele gerichtet ist; daß gerade ein solcher Geist, wie der jüdische, in seiner Lebensrichtung zu dieser Frage Stellung nehmen muß, wird erst aus der nachfolgenden Darstellung des Problems klarer werden. Bei dieser Darstellung wird auch dem sich einfühlenden Leser noch klarer werden, was ich mit der Kennzeichnung des jüdischen Volkes als Willensvolkes meine. Die Tatsache selbst, daß die Idee der Gerechtigkeit im jüdischen Schrifttum vorherrscht, ist schon von den Gegnern des Judentums bemerkt worden. Zeigen diese auch kein Verständnis für das Wesen der Gerechtigkeit und des Problems, so haben sie doch richtig herausgefunden, daß die Betonung der Liebe im christlichen Schrifttum eine charakteristisch andere Melodie bedeutet als der