Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Wesen und Mission des Judentums
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 404 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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404 Wesen und Mission des Judentums. im gemeinen Bewußtsein die Religion vom Volkstum beim Judentum nicht getrennt werden kann. Schon wenn wir berücksichtigen, daß die Analyse eines Volkscharakters bei der Frage nach dem Wesen des Judentums die Aufgabe bildet, ■müssen wir erkennen, daß dasselbe nicht mit der Lehre vom einigen Gott definiert werden kann. Denn eine einzelne Lehre beschreibt nicht einer! Voiksgeist. Eine Lehre sondert auf die Dauer nicht ab, sondern verbindet gerade und hebt die Sonderexistenz durch die Beweiskraft auf, welche die Lehre, wenn sie wahr ist,, notwendig weiter mitteilt. Als Grund der dauernden Sonderexistenz des jüdischen Volkes und der jüdischen Religion muß daher nicht eine einzelne Lehre, sondern eine allgemeine Geistesrichtung, ein Volksgeist mit allen Eigenschaften eines natürlichen Produktes, in Betracht kommen. Wie wir schon anführten, sprechen wir als die charakteristische Eigenart des jüdischen Volksgeistes seine praktische Richtung auf Verwirklichung selbständiger, geistiger Lebensauffassungen an. Was hiermit über den Habitus des jüdischen Volkes im allgemeinen und über den Unterschied der Lebensführung seiner Glieder von denen anderer Völker gesagt werden soll, kann hier nicht näher ausgeführt werden. Demonstriert haben wir aber diese Auffassung bereits an der Geistesart der Propheten, der Repräsentanten der höchsten Entwicklung des jüdischen Geistes. Diese unterscheiden sich von Plato und anderen Größen der Menschheit nicht dadurch, daß ihre Lehre die wahrere ist, sie etwa die klügeren sind,, sondern durch den ausgeprägten Willenscharakter ihrer Natur, durch die Selbständigkeit ihrer ethischen Zielgedanken. Der Inhalt ihrer Reden ist nicht eine Lehre über die Anlagen des menschlichen Geistes zur Entwicklung auf das Gute und Wahre,, wie etwa bei Plato, sondern sie stellen die Gebote Gottes als* unbedingte Forderungen im Gegensatz zu den in der Gesellschaft: ihrer Zeit herrschenden Tendenzen auf. Diese Forderungen lassen sie sich nicht zu utopischen Sehnsüchten verflüchtigen,, sondern sie arbeiten auf die Verwirklichung ihrer geistigen Ideale hin, durchdrungen von der Möglichkeit und dringenden Not-