Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Wesen und Mission des Judentums
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 403 (sequence 3)
- Language
- German
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Wesen und Mission des Judentums. 403 Bedürfnisses praktischer Durchführung von geistigen Zielen be- ״deutet, die in der gesellschaftlichen Gegenwart nicht genügend gesetzt sind. Das Geistesleben will hier praktisch sein, sich nicht mit einer Auslegung des gesellschaftlichen Lebens begnügen; es;will, um mit Nietzsche, dem Bewunderer der Propheten, zu sprechen »vom Menschen heraus auf den Übermenschen zielen«, das heißt kraft selbständiger Forderung des ethischen Geistes Werte und Menschen schaffen. Das ist es, was man häufig als die ethische Eigenart des jüdischen Geistes empfunden hat. Die Frage nach dem Wesen des Judentums wird heute gern und oft behandelt. Wir sind anscheinend von der lebhaften Betätigung dieses Wesens weit genug entfernt, um in die Reflexion zu verfallen und uns selbstbesinnend zu fragen, was uns denn trenne, was wir Eigenes wollen. In solchen Zeiten hat diese Reflexion auch ihr Gutes. Sie stellt sich jetzt ein, weil die Zeit des Ghettos, welche die Konservierung des überlieferten Materials zur Hauptaufgabe hatte, und die darauf folgende Zeit der politischen Kämpfe 11m das Leben frei vom Ghetto im Wesentlichen hinter uns liegt, und nun für uns eine neue Zeit beginnen muß. Aber merkwürdig ist die meist auf die Frage gegebene Antwort. Man sieht in irgend einer theoretischen Lehre, meist in der Lehre vom einigen Gott, die Eigenart des Judentums. Dabei sollte man doch merken, wie wenig lehrhaft Stil und Art unserer Propheten ist Man vergleiche nur daraufhin die Schriften etwa des großen Jesaia mit denen des großen Plato! Wer das Wesen des Judentums betrachten will, muß sich zunächst darüber klar sein, daß die gesamte Geistesrichtung eines Volkes ins Auge zu fassen ist Eine Beschränkung auf die Betrachtung der Religion ist bei der Frage nach dem Wesen des Judentums nicht möglich. Ist doch jede Religion, wenn sie sich für längere Zeit erhält, mehr oder minder mit der Art des Volksgeistes ihrer Bekenner verknüpft. Am meisten gilt das für die jüdische Religion. Wie ihre Bekennerschaft sich im Wesentliehen stets auf das jüdische Volk beschränkt hat, so ist sie auch mit dem jüdischen Volkstum derartig eng verbunden, daß auch 26*