Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1916-01-01 · Heft 6 · p. Seite 402

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
60 (1916)
Issue
Heft 6
Article
Wesen und Mission des Judentums
Date
1916-01-01
Page
Seite 402 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2829132-2829873-2829880-2893866--42391-2893883
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

402 Wesen und Mission des Judentums. psychischen Volksart geltend. Aber auch wenn diese Tatsache anerkannt wird, ist dadurch nicht ein eigener Wert der reinen Geistesgedanken, besonders der ethischen Zielgedanken, für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft dargetan. Immer noch bliebe die Geistesart des Anschauens, Fühlens und Wo!lens nur ein latent mitwirkender Faktor. Das theoretische selbständige Leben dieses Geistes in Philosophie und Ethik hätte auch bei dieser Auffassung keine praktische Bedeutung für die Entwicklung der Geschichte. Das Judentum hat in der Praxis seines Geisteslebens zu diesem Problem eine scharfe Stellung genommen. Es begnügt sich nicht mit einer Rolle des Geisteslebens, wie die materialistische Geschichtsauffassung sie ihm einräumt. Es ist auch nicht mit einer philosophischen Theorie zufrieden, welche die im Gesellschaftsleben wirkenden psychischen Kräfte nur wiederspiegelt und beschaulich expliziert. Im Judentum hat sich Philosophie und Religion nie mit der Rolle des klugen Beobachters und Begleiters des Gesellschaftslebens abgefunden," sondern die menschliehe Gesellschaft zu Zielen umzugestalten versucht, die vom religiösen Leben aufgestellt wurden. Ob dieses Unterfangen berechtigt ist, soll hier noch dahingestellt bleiben. Jedenfalls war für das Judentum diese praktische Richtung des Geistes, das heißt die Richtung des selbständigen Geisteslebens auf tätige Umgestaltung der Gesellschaft stets charakteristisch. Darum erscheinen uns gerade die Propheten als die charakteristichen Träger des jüdischen Geistes, weil bei ihnen die tätige Tendenz so deutlich zum Ausdruck kommt. Die Propheten sind offenbar nicht Schöpfer von Bildern, auch nicht von idealen Utopien, obgleich solche bei ihnen Vorkommen; sondern von Zielgedanken, in deren tätiger Verwirklichung innerhalb der Gesellschaft sie ihre Aufgabe setzen. Das Unvergleichbare, sie von allen Unterscheidende, ist ihr Pathos, d. h. die bei ihnen obwaltende Spannung zwischen geistiger Forderung und gesellschaftlicher Gegenwart; eine Spannungsstimmung, die der romantischen so entgegengesetzt ist und das Bewußtsein des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.