Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die talmudische Literatur der letzten Jahre
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 375 (sequence 7)
- Language
- German
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Die talmudische Literatur der letzten Jahre. 375 dann kann man sich einigermaßen die Größe der Mühe und Arbeit vorstellen, welche die Herstellung eines Werkes dieses In- Haltes und Umfanges den Verfasser gekostet; dann muß man den Fleiß, die Geduld und die Ausdauer des Verfassers aufrichtig bewundern und auch seine Geschicklichkeit, die unzähligen einzelnen Fäden und Fädchen zu einem einheitlichen Gewebe zusammenzuwirken, die einzelnen Tropfen zu einem breiten Strome zu vereinigen, aus den zahllosen einzelnen Steinchen einen kunstgerechten Bau zu konstruieren. Es lohnte sich aber auch der großen Mühe. Denn Krauß hat mit seiner Talmudischen Archäologie ein Werk geschaffen, das für mehrere Wissensgebiete eine wertvolle Bereicherung bedeutet. Dem Bibelforscher, dem Archäologen, dem Kultur- Historiker und dem Folkloristen ist durch Krauß’ Arbeit ein Gebiet zugänglich gemacht worden, das früher nur zum Teil und ungenügend bekannt war. Auch der Talmudforscher kommt auf seine Rechnung, da so manche dunkle Stelle im rabbinischen Schrifttum erst durch die Archäologie aufgehellt und verstandlieh wird. Krauß’ Talmudische Archäologie hat aber auch ihre Mängel. Dies muß umso schärfer betont werden, als das Werk, das allgemein gelobt wurde, bei denen, die ihre talmudischen Kenntnisse einzig und allein aus Wörter- und Nachschlagebüchern schöpfen, geradezu kanonisch wurde. Die Mängel des Buches sind: 1. Das talmudische Material ist nicht vollständig, hingegen die klassische Archäologie allzuvollständig aufgenommen, so daß das Buch manche ausführliche Schilderung griechischer und römischer Verhältnisse enthält, die auf die Juden nur sehr wenig oder gar nicht paßt Der Verfasser überschätzt den Einfluß griechischen und römischen Wesens auf das bürgerliche Leben der Juden. Daher ist seine talmudische Archäologie im allgemeinen, besonders aber in den Rechtspartien zu griechisch gefärbt. 2. Der Verfasser geht zuweilen im Kombinieren zu weit, was die Ursache mancher grundlosen Hypothese ist