Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 310 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829873-2829878-2893689--42286-2893757- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
aio Die Darstellung der Juden im deutschen Roman liehen Liebe Hebt. Es ist die Liebe des Efeus zur Eiche.« Ein dritter Bursch ist der Ansicht, seines Wissens hätten alle Juden ausnahmslos Plattfüße, abstehende Ohren, plierige Augen und sprechen polnisch-galizischen Dialekt. »Es ist«, sagt er später zu: Henry, der das Gefühl unsäglichen Hochmuts gegenüber dem Begriffe Jude hat, (eine sehr treffende Ironie!) »ja doch das modernste Gesellschaftsspiel, jeden bei jeder Gelegenheit nach seinem Taufschein zu fragen. Ich bin überzeugt, als sich Prinz Wilhelm bei Borussia-Bonn vorstellte, war die erste Frage an ihn: Königliche Hoheit sind doch hoffentlich kein Jude?« Felix Hauart, wie Henry nun heißt, wird Einjähriger in einer kleinen Residenz. Wie bereits die Ansicht über das Christentum, über Korpswesen und Burschenschaft, so werden bei diesem Anlasse die Ansichten über die Haltung der Offiziere gegenüber den Juden dargelegt, und sie sind ebenso unbefangen. Mit Felix dient Kurt von Herzfeld (Kurt genannt, weil dieser Name in alten Ritterromanen häufiger ist, als jeder andere), der Sohn Martins von Herzfeld (den Namen hatte der Vater bei der Taufe zu Ehren Luthers angenommen); aber der hätte als Sohn eines getauften Juden reiten können, wie der alte Zieten, und ein militärisches Genie sein können, wie Napoleon, er wäre doch nicht avanciert. Gerade nicht. Erst recht nicht. Denn es galt zu zeigen, daß »diesen Leuten« wenigstens eins nicht offen stehe: ein altadeliges Offizierkorps. (Vgl. 58. Jahrg., S. 225 f.) Herzfeld wurde nicht nur körperlich, sondern auch seelisch kujoniert, obwohl er keineswegs schlecht ritt und auch in allem Übrigen des Dienstes durchaus seinen Mann stellte. Das ertrug Herr von Herzfeld mit Gelassenheit. Obwohl körperlich keiner von den kräftigsten, ließ er sich nie merken, daß er nur mit grimmiger zähnezusammenbeißender Energie imstande war, alles das auszuführen, was von ihm extra gefordert wurde. Er riß sich bis zum Äußersten zusammen und gönnte seinen Peinigern nicht den Triumph, ihn schwach zu sehn. Fast unerträglich aber waren die psychischen Demütigungen, die er auszustehen hatte. Und der Vater tadelt