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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1916-01-01 · Heft 4 · p. Seite 307

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
60 (1916)
Issue
Heft 4
Article
Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
Date
1916-01-01
Page
Seite 307 (sequence 6)
Language
German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 307 von Sentimentalität und Allerweltsmora! freien Witwe Sarah Ascher und — ja, das ist eben fraglich, — eines russischen Fürsten oder eines berühmten Virtuosen, dessen wirklicher Name leicht erraten wird. Es läßt sich eben deshalb nicht sagen, oder man kann es annehmen, wie man will, ob sein Charakter mehr dem jüdischen -oder dem tatarischen oder dem künstlerischen Tropfen oder allen zusammen in seinem Blute angehöre. Die Mischung ist eben eine überaus gründliche: denn Sarah ist selbst die Tochter eines :spanischen Juden und einer Kreolin, aber auch der Vater dieser kreolischen Tänzerin, welcher Bierbaum seltsamer Weise indianisches Blut zuschreibt, war ebenso seltsamer Weise abermals unzweifelhaft ein Jude. Sarah ist stolz auf die Zugehörigkeit zum jüdischen Stamme, fühlt sich als Aristokratin, eben weil sie Jüdin ist und noch dazu spanische Jüdin. Ihre lebhafte Sinnlichkeit ist gedämpft durch eine wohlgegründete ästhetische Bildung. Ihr Russe hält die Juden für die einzigen entarteten Orientalen mit dem denkbar schlechtesten Einfluß auf die menschliche Kultur; die Jüdinnen liebt er. Der andere mutmaßliche Vater ist ein Musikant, ein Stück Poet, nebenbei ein deutscher Querkopf und als solcher ein hitziger Judenfresser, die er zur Erholung verspeist, nicht zwar Mendelssohn, als zu musikalisch, wohl aber Meyerbeer. Sarah ist sehr glücklich mit ihren beiden verliebten Antisemiten, deren Rassenhaß sie auf so angenehme Weise ad absurdum führt; es sind zwei Rassen, die ihr huldigen. Der Russe nennt Heine das »Genie der jüdischen Entartung.« Dieser Auswurf des Orients, dieser Teufel in Judengestalt, sei von der Vorsehung dazu bestimmt gewesen, das ganze Talent seiner Rasse zu keinem anderen Zwecke zu verkörpern als zu dem: die Deutschen zu demoralisieren. Heine ist ein Judengrieche1), und das deutsche Volk »schließlich von Heine mit allen Gährungsstoffen aus dem Sumpfe jüdischer Entartung durchsetzt worden.« Der Knabe wird anfangs bei bairischen Bauern katholisch erzogen; er wird früh Prinz 1) Auch W. Raabe, Akten des Vogelsangs, S. 182 nennt H. merkwürdiger Weise »den semitischen Hellenen.« 20

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