Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 305 (sequence 4)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 305 Männer immer erst erkennen, wenn diese tot sind. Der Strumpfwirker und der Spenglergehilfe, das alttestamentarische Jüngelchen und der Bäckerlehrling, die wir zu Grabe geleiten — wer hätte geahnt, daß sie Heiden waren? Hätten wir bei ihren Lebzeiten geahnt, was wir an ihnen besaßen, so hätten wir den Strumpfwirker zum Minister und den Bocher wenigstens zum Oberrabbiner ernannt.« »Spotten Sie nicht so einfältig«, tadelt ihn streng ein Student »Wir wissen ganz gut, daß die Ehre, die wir den Toten erweisen, nicht ihrem persönlichen Wert gilt.« »Dann sollte man aber auch den jungen Spitzer nicht in Wort und Bild als Heldenjüngling feiern«, murrt Mießrigl. »Das tun«, erwidert der Andere, »seine Glaubensgenossen, die sich enttäuscht fühlen, daß von der Gleichberechtigung der Konfessionen noch immer nichts verlautet. Wollten Sie es den vielen, intelligenten Juden, die sich in den letzten Tagen um die gute Sache verdient gemacht haben, verargen, daß sie auch an die Emanzipation der Juden denken, wenn sie von Freiheit sprechen?« »Die ganze Revolution mauschelt«, sagt Mießrigl. »Sei nicht engherzig«, mahnt nun sein Freund Fred Leodolter, dh. in diesem Falle der Dichter. »In einem Staat, der zeitgemäße Reformen anstrebt, wäre es doch auch ein Widersinn, Be- Stimmungen aufrecht zu erhalten, die den Juden auf Schritt und Tritt Prügel zwischen die Füße werfen. Ich gesteh' es offen, das beschämt mich immer, wenn ich daran denke. Es sieht rein aus, als trauten wir uns die Tüchtigkeit nicht zu, auf gleich und gleich neben ihnen zu bestehen und müßten deshalb zu Gewaltmitteln unsere Zuflucht nehmen. Das ewige Niederhalten stärkt auch nur den Groll und entwickelt schlimme Eigenschaften. Den Metternich sind wir los, sollen wir jetzt zu kleinen Metternichen gegenüber den Juden werden? Das wäre die rechte Freiheit nicht und eine Todsünde an ihrem Geist!« »Sie haben recht«, sagt der Student. An dem offenen Grabe, das den Gefallenen zur gemeinsamen Ruhestätte dienen sollte, ergreift zuerst der Rabbiner das Wort. Monatsschritt, 60. Jahrgang. 20