Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zunz im Verkehr mit Behörden und Hochgestellten
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 258 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2829132-2829873-2829878-2893685--42239-2893714- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
25$ Zunz im Verkehr mit Behörden und Hochgestellten. Seminars in Berlin. Die Leitung des Seminars wurde Zunz vom Vorstand der jüdischen Gemeinde angetragen. Die Regierung machte Schwierigkeiten in betr. der Bestätigung, weil Zunz kein Lehrer-Zeugnis besaß. Da wandte er sich an seinen ehemaligen Lehrer de Wette mit folgendem merkwürdigen Briefe, der mit Auslassung des Schlusses, in dem einige literarische Notizen stehen, folgendermaßen lautet: 6. 1. Juni 1838. »Wenn ich mir die Freiheit nehme, mein hochverehrter Lehrer, an Sie zu schreiben, so geschieht es in der etwas anmaßlichen Voraussetzung, von Ihnen nicht ganz vergessen zu sein; daß Sie wenigstens bei meinem Namen sich noch des jungen Studenten erinnern, der in den Jahren 1816—19 das Glück hatte, sowohl Ihre Vorlesung zu hören, als Ihrer belehrenden Unterhaltung teilhaftig zu werden. Sie bei Ihrer im Jahre 35 unternommenen Reise nach dem nördlichen Deutschland wieder- Zusehen, war mir versagt: Ihre Anwesenheit allhier erfuhr ich in Prag, und bei meiner Rückkehr — Ende Mai — waren Sie abgereist; doch hatte ich das Vergnügen, von einigen Freunden, die Sie gesprochen hatten, von Ihnen zu hören. War so die äußerliche Verbindung mit Ihnen eine vorübergehende, so war die innere desto dauernder. Denn Ihnen verdanke ich die Einsicht in die biblische Kritik und nächst Friedr. Aug. Wolf, was ich überhaupt an wissenschaftlichem Blick besitze. Wenn ich mich in der Wissenschaft des Judentums, die den Inhalt meines Lebens ausmacht, nicht allseitig vervollkommne, so haben daran die Widerwärtigkeiten schuld, mit denen ein jüdischer Gelehrter zu kämpfen hat, der vielerlei sagen und tun muß, sein Dasein , zu fristen, selten Mittel zu Reisen hat und der Anfeuerung durch einen belebenden Zuhörerkreis entbehrt. Und doch! Wie sehr täte die Besetzung eines Lehrstuhls für jüdische Literatur an unseren Universitäten not! Groß ist die Unwissenheit, das Vorurteil, die Ungerechtigkeit in allem, was der Juden soziales und historisches Sein betrifft: Wissenschaft, Wohlergehen, Eintracht, Sittlichkeit gewinnen nicht dabei, daß man den unterrichteten