Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die talmudische Literatur der letzten Jahre
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 187 (sequence 16)
- Language
- German
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Die talmudische Literatur der letzten jahre. 187 Im Unklaren läßt uns Bacher darüber, wie er sich das Verhälinis der beiden exegetischen Methoden, der Aneinanderreihung von Versen aus allen drei Teilen der Bibel und der Erklärung durch Heranziehung bloß eines Propheten- oder Hagiographenverses, zu einander vorstellt. Welche ist die ältere und welche die jüngere Form? Nach der ganzen Darstellung Bachers muß man in seinem Sinne denken, daß die letztere Methode, die kürzere und einfachere, sich aus der ersteren, der ausführlicheren und künstlicheren, entwickelt habe; so daß die Pethicha schon eine zweite Entwicklungsstufe darstelit: Aneinanderreihung — Heranziehung eines Verses — Pethicha. Aber die Entwicklungsgeschichte der agadischen und auch der halachischen Exegese lehrt, daß — wie überhaupt bei jeder Entwicklung — die einfachen und natürlichen Formen älter sind als die komplizierten und künstlichen. So wäre man geneigt, Schwarz zuzustimmen, der umgekehrt die Aneinanderreihung, die Perlenschnüre, sich aus der Pethicha entwickeln läßt1). Nach dieser Ansicht wäre ו) in seiner Besprechung des Bacherschen Buches, Deutsche IJieraturzeitung 1913, Sp. 1679. Schwarz begründet seine Ansicht mit dem Unterschied zwischen den Vorträgen beim Gottesdienste und jenen im Lehrhause; nur bei den Gottesdienstlichen Vorträgen, für die der Vortragende sich vorbereiten konnte, und nicht im Lehrhause, wo der Vortragende Lehrer auf Fragen antworten mußte, konnte sich eine Kunstform herausbilden. Diese Begründung geht von der Voraus- Setzung aus, daß im Lehrhause »der Vortragende sein Auditorium in der Regel zu einer Fragestellung aufforderte«. Dies muß aber erst erwiesen werden. Wir finden auch, daß das älteste uns überlieferte Proömium, das des R. Elieser ben Hyrkanos in Gen. r. XLH, gerade im Lehr hause voigetragen wurde. Wir finden auch ein Proömium, von dem es sicher ist, daß es improvisiert wurde, da sein Autor den Perikopentext erst aus der Verlesung des Abschnittes, also unmittelbar vor dem Vortrage, erfahren hatte. Und es handelt sich da um einen Vers, der in der Heimat des Proömiumautors nicht den Anfang einer Perikope bildete, daß man etwa sagen könnte, er habe ein älteres Proömium vorgetragen. Es ist auch daran zu erinnern, daß die Jelamdenn- Vorträge, die ja viel kunstreicher sind als die Proömien, zur Beantwortung von Fragen dienen.