Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die talmudische Literatur der letzten Jahre
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 180 (sequence 9)
- Language
- German
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180 Die talmudische Literatur der letzten Jahre. Vers umsomehr Autorität beigelegt wurde. Daraus folgt aber notwendig die Pflicht zu untersuchen, ob nicht die Bibel selbst eine Distinktion macht, und daß erst dann, wenn wir in der Bibel keine Distinktion für die Lösung gefunden, wir selbständig distinguieren dürfen und müssen. Daß dies wenigstens seit der Zeit R. Akibas die Ansicht einzelner gewesen, kann ja unmöglich als ausgeschlossen gelten. Dagegen ist die Feststellung, daß in der talmudischen Literatur die Antinomien, mit Ausnahme der wenigen vom Verfasser angezweifelten Stellen, durch selbständige Distinktion gelöst werden über jeden Zweifel erhaben, so daß aus dieser Tatsache notwendig des Verfassers Erklärung des Inhaltes der Hiilelschen Middah folgt. Es ist auch, da die Zahl der von der Thora selbst gegebenen Lösungen eine äußerst geringe ist, nicht denkbar, daß Hillel für einige wenige Fälle eine — für diese Fälle selbstverständliche — Regel aufgestellt hätte, ohne die bei weitem größere Zahl der Antinomien zu berücksichtigen. Es ist also absolut sicher, daß Hillel mit seiner Middah zum selbständigen, freien Distinguieren auffordern will und daß dieser Aufforderung während der ganzen talmudischen Zeit Folge geleistet wurde. So weit muß man mit Schwarz gehen. Schwerer ist es, wie wir gesehen, ihm bis zur äußersten Konsequenz seiner These zu folgen. Unsere dreizehnte Middah R. Ismaels kann ganz gut ihm angehören; sie steht nicht im Gegensatz zur vierten Middah Hillels, sondern ist ihre einschränkende Fortbildung; sie hebt das freie Distinguieren nicht auf, sondern beschränkt es durch die Autorität des Bibelwortes, das sie zuerst zu Wort kommen lassen will, genau so wie R. Akibas Erweiterung der Hiilelschen Middah. Das, was Hillel in seiner Middah nicht berücksichtigt hat, — ob aus Selbstverständlichkeit oder Nichtanerkennung, bleibe dahingestellt, — hebt R. Ismael hervor: die von der Thora selbst gegebenen Distinktionen R. Ismaels setzt die Middah Hillels voraus, bezieht sich auf sie und sagt: Wenn zwei Bibelsätze einander widersprechen, haben selbständige, freie Lösungen nur solange Geltung, als nicht die Thora selbst in einem dritten Vers eine Distinktion gemacht