Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 3)
- Language
- German
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142 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman germanischen Wesen lebten wenig andere Kräfte in ihm . . die Sehnsucht hatte ihn ins Herz gestoßen, die Sehnsucht nach der schlichten, klaren deutschen Seele, und aus der Wunde floß in kühlen Strömen seine Lebenskraft. (Über das Schweigen in Worten brauchen wir uns bei einem modernen Schriftsteller eben nicht zu verwundern.) Wenn er den Text eines innig-reinen Liebesliedes gefunden hatte, so ging er in die Universitätsbibiiothek und suchte sich in den Wiedergaben nach altdeutschen Meistern das liebe Mädchenantlitz dazu, blond und blau, schlicht und züchtig, still und treu. Dann erst erklang seine Sehnsucht in wunderbar volkstümlichen Weisen, genau so wie Mendelssohn einst die Waldlieder in ihrer tiefsten Seele ergriff. Frau von Karminell protegierte ihn am Theater dermaßen, daß er Konzertmeister wurde . . . Den lernten die Freunde nun kennen. Er blieb in Worten scheu und still und sagte ihnen am Klavier desto schöner, wie gut er zu ihnen gehöre. Sie liebten ihn bald alle außer Liesegang, welcher jede Idee, die er aufnahm, so unveränderlich konservierte, als ob sie in ihm versteinert wäre. So auch den Antisemitismus. Bohnstock und Kantilener schlossen sich am engsten zusammen. Beide wollten das Leben nur aus ästhetischer Weltanschauung gelten lassen. »Es gibt nur ein Mittel«, versicherte Bohnstock mit schwermütigem Nachdruck, »dieses kleine Stück Leben ... mit bewußtem Glück zu durchsonnen: Intelligenz; nur eine Übung der Intelligenz, welche das ganze Leben umspannt: die Kunst.« Dabei versenkte er sich mit so offen glühender Leidenschaft in alles, was zur Kunst gehörte, daß schon der bloße Anblick einen feinfühligen Menschen hinreißen konnte. »Sein Haß gegen Technik und Industrie war rührend. (Ist das nicht des Guten ein wenig zu viel getan?) Nur für den Juristen Arbold, von der Burschenschaft Ostgotia, einem gewaltigen Turner, (der mit seiner teutonischen Kraftmeierei verspottet wird), »schloß Bohnstock als Semit aus der Welt, welche er duldete, von vornherein aus.« Nahe betrachtet, war er freilich trotz seiner Scham zu lernen, ein erfreulich tüchtiger Mensch. Helbig sucht ihn für Bohnstock zu gewinnen: »Wer liebt, dem soll man es danken ... Er möchte