Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Verteilung des homiletischen Stoffes für den kultischen Cyclus
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 11)
- Language
- German
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Die Verteilung des homiletischen Stoffes für den kultischen Cyklüs, 91 ist das ein Mangel an Liebe, weil ein Mangel an eingehendem persönlichem Interesse. Also Allgemeines und Persönliches muß in der Casualpredigt so auftreten, daß das Allgemeine sich bewährt an diesem vorliegenden Besonderen, das Besondere sich deutet, sich heiligt, sich weiht durchs Allgemeine. Wer nun gar das Talent hat, das Allgemeine gleich so darzustellen, daß man die Anwendung auf die betreffende Persönlichkeit von selbst heraus״ fühlt, wer also das Allgemeine gleich durchsichtig zu machen versteht, der hat gerade das Rechte getroffen. Es ergeben sich aber für die Casualien noch zwei eigentlich im Vorhergehenden schon liegende Folgerungen. Nicht alles an einer Persönlichkeit, selbst nicht alles an sich Wichtige und Interessante, kann in eine Casualpredigt hineingezogen werden. Nur das, was irgend eine Beziehung hat zur Religion, zum Gottesworte. Ferner aber setzt die Casualpredigt bei dem Prediger Bekanntschaft mit den persönlichen Verhältnissen des Angeredeten voraus. Es ist daher ein auch theoretisch sehr zu rechtfertigender Wunsch, wenn man am liebsten von befreundeten Predigern die Trauerpredigt usw. hören möchte. Wir gehen hier, weil es sich tun läßt, ein wenig ins Einzelne ein. Was ist bei einer Leiche die Aufgabe des Predigers? Die Religion bietet die Erkenntnis der Hinfälligkeit des Menschen, aber auch der Hoffnungen des Menschen, zugleich den Glauben an die Gerechtigkeit Gottes. Das ist das Allgemeine, für Alle Gleiche. Wir werden schon persönlich, wenn wir auch nur die Hoffnung aussprechen, daß der Hingeschiedene gewiß der Seligkeit teilhaftig werde. War der Hingeschiedene ein Charakter, so muß eine Charakteristik desselben gegeben werden, zu der freilich viel Sinn und Takt gehört. Selten ist übrigens ein Mensch so wenig ein Charakter, daß sich nicht manches rein Persönliche, auf keinen andern Anwendbare über ihn sagen ließe. Schwierigkeit kann bloß eintreten in Gemeinden, wo es Usus ist, jedem eine Leichenrede zu halten. Bei einem entschieden schlechten Menschen mache man weder den Ankläger und Richter, noch den Lügner. Am besten ist in solchen Fällen, das Meiste