Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Verteilung des homiletischen Stoffes für den kultischen Cyclus
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 10)
- Language
- German
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90 Die Verteilung des homiletischen Stoffes für den kultischen Cyklus, Der Einzelne ist Mitglied der Gesamtheit in dem Sinne, daß er an ihren Segnungen teilhat, nicht in dem Sinne, daß das Individuum als solches kein Recht hat. Die Gemeinde beteiligt sich aus Nächstenliebe an der Freude des Brautpaares. Ebenso herrscht Solidarität bei der Trauer. Liegt es nun im Wesen des Judentums, daß die Freude und Trauer des Einzelnen ein Echo finde in dem religiösen Verhalten der Gesamtheit, warum sollte dieses Echo nicht lautbar werden im Worte, und zwar gerade im religiösen Worte? Daher gab es unter Juden schon in der talmudischen Zeit Trauer- und Leichenpredigten. Die Gesetze für die Casualien ergeben sich nun ziemlich leicht aus dem Gesagten. Der Prediger vertritt bei seiner Teilnahme am casuellen Falle die Gemeinde, spricht also nicht als Einzelner, sondern als das Organ einer religiösen Gesamtheit. Nach dieser Seite betrachtet hat die Gelegenheitspredigt mit den andern Predigten den gemeinsamen Brennpunkt, das Gotteswort, gemein. Das Gotteswort ist ja hier das die Solidarität zwischen Gemeinde und Einzelnen Bewirkende. Aber der Akt der Teilnahme, den die Gemeinde durch den Prediger übt, bliebe unvollständig, wenn sie in dem Einzelnen, gegen den er geübt wird, nur ein Exemplar, nicht Persönlichkeit, Individualität sähe. Daraus folgt, daß besondere, rein persönliche Verhältnisse in der Predigt berücksichtigt werden müssen. Und wir hätten einen zweiten Brennpunkt für die Predigt an den persönlichen Verhältnissen der anzuredenden Personen. Es ergeben sich daraus homiletische Fehler, die gemacht werden können. Wer sich nur mit Personliebem in der Casualpredigt beschäftigt, indem er dieses rednerisch erzählt, tobt, tadelt, der vergißt, daß er als Prediger, nicht als Hausfreund, nicht als Lobredner, nicht als individueller Kritiker in dieser Stunde dasteht. Er muß also Gottes Wort reden lassen und von diesem den Weg zur Persönlichkeit finden. Dabei kann aber ebenfalls ein Fehler gemacht werden. Hält sich der Prediger beispielsweise bloß an das Allgemeine, indem er z. B. die Ehe, den Tod bei Traubezw. Leichenreden durch das Gotteswort beleuchtet ohne Rücksicht auf die conkreten Personen, so