Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Verteilung des homiletischen Stoffes für den kultischen Cyclus
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
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Die Verteilung־ des homiletischen Stoffes für den kultischer! Cyklus. 87 Die Festpredigt, will ich nämlich sagen, berechtigt den Prediger, ebenso als die Sabbatpredigt, zu gewissen Voraus- Setzungen. Er vermeide, an dem Tage sie erst in das Israelitentum hineindemonstrieren zu wollen, er unterlasse die nüchternen Betrachtungen, inwiefern es doch auch ratsam sei, das Fest, das begangen wird, doch auch wirklich zu feiern. Er tadle, rüge, schelte nicht, wie er das in notigen Fällen bei Sabbatpredigten wohl tun kann, er hebe sich und seine Gemeinde über den Kampf und die Hemmungen des Lebens durch festlichen Schwung fort zu dem objektiv vorhandenen Guten im Gottesworte. Vielleicht ist das noch zu allgemein gesagt. Man kann auch in der Festpredigt ermahnen, erinnern, aber der positive Inhalt muß den polemischen überwiegen. Der große, positive Inhalt des Tages sei auch zugleich Inhalt der Predigt, nicht das, was mit diesem Inhalt streitet, was sich feindselig dazu verhält. Freilich scheint nun gerade das Neujahrs- und Versöhnungsfest wie geschaffen zu Strafpredigten und der Canon »tempore laeto« auf sie wenigstens durchaus nicht zu passen. Und dennoch paßt er auch hier. Gehen wir einen Augenblick auf diese Feste ein. Ihre Einsetzung ruht auf der stillschweigenden Voraussetzung, daß jedes, auch das frömmste Glied der Gottesgemeinde, von seinem Ziele, welches ist die Heiligung und Heiligkeit, abkomtnen würde ohne solche Tage der Erweckung, der Sündenabschüttelung usw, Weder ist also hier eine Ausnahme gemacht in Ansehung der Personen, noch der Zeiten. Die Sünde, die hier vom Prediger vorgeführt wird, ist die menschliche, die zu allen Zeiten sich wiederholende. Das macht aber, daß weder die Neujahrsnoch die Predigt am Versöhnungstage eine eigentliche Strafpredigt ist. Die eigentliche Strafpredigt wird angeregt durch das Gebrechen einer bestimmten Zeit und durch die Gebrechen bestimmter einzelner Gemeindeglieder. Die Predigt an den genannten Festtagen dagegen spricht die Schuld als eine gemeinsame aus, jeder demütigt sich und der Sprecher so gut wie alle Angeredeten. Diese Alle zugleich treffende Strafpredigt hört dadurch auf, eine Strafpredigt im gewöhnlichen Sinne zu sein. Der edle Schmerz