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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1916-01-01 · Heft 2 · p. Seite 86

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
60 (1916)
Issue
Heft 2
Article
Die Verteilung des homiletischen Stoffes für den kultischen Cyclus
Date
1916-01-01
Page
Seite 86 (sequence 6)
Language
German
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86 Die Verteilung des homiletischen Stoffes für den kultischen Cyklus. weichende Predigten schreiben. Verändert sich auch nicht das Thema, so verändern wir uns. Aber die Themata selbst sind ebenfalls mannigfaltig. Bleiben wir bei יציאת מצרים stehen! Einer wird über die Bedeutung des Festes überhaupt sprechen Ein anderer wird die Idee der Freiheit, wie sie sich als eine religiöse aus der Feier ableiten läßt, entwickeln. Ein Dritter wird die Ursache untersuchen, womit unsere Väter die Befreiung verdient hätten, und es auf uns anwenden. Ein Vierter wird den Einfluß der gefeierten Tatsachen mit Begründung irgend einer praktisch wichtigen Wahrheit hervorheben. Die Hauptsache ist, nicht so allgemein zu werden, daß wir aus dem Feststoff hinausfallen. So verschieden nun diese geschichtlich-natürlichen Feste von der andern Festgruppe des Neujahrsnnd Versöhnungstages sind, von denen wir sagten, daß sie es mit dem innern Leben und Bestehen der Gottesgemeinde zu tun haben, so hat die Predigt doch auch etwas Gemeinsames, und dieses Gemeinsame heben wir daher erst hervor, um den Übergang zu den anderen Festen zu finden. Das Gemeinsame, welches die Festpredigt am ר״ה ויו״ב mit der Festpredigt an den רגלים charakterisiert, glauben wir mit den Worten eines alten christlichen Homiletikers, des berühmten Erasmus, geben zu können. Er sagt in seinem Ecclesiastes HI, 201: «Tempore laeto laeta dicere convenit.» Daß hier nicht laeta im Sinne des Lustigen gemeint ist, ist klar. Es ist gemeint, daß die Predigt an jedem Festtage, er mag ernsten oder freudigen Inhalts sein, ein Festgewand tragen müsse. Gehen wir an die Beschreibung dieses Festgewandes! Der Ton muß ein gehobener, gereifter sein, die Feststimmung muß in der Predigt ihren Widerhall finden, selbst ein Anstreifen an einen mehr hymnischen Ton wird nicht unangemessen sein, vorausgesetzt daß es nicht poetischer Schwulst wird. Selbst wo die gefeierte Tatsache noch unangewendet erörtert wird, wird der dogmatische, lehrhafte Kathederton vermieden werden müssen. Am Festtage bedarf es mehr als an andern Tagen der wahren, lebendigen Begeisterung, und das Festgewand, von dem wir reden, übt auch auf die Materie der Predigt seinen Einfluß.

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