Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Ohne Unterschied von Geburt und Religion
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 Ohne Unterschied von Geburt und Religion. daß der staatliche Zwang häufig in schärfster Form durchsetzen müßte, was gutwillig nicht gewährt wurde. Ganz besonders galt das für die Landwehren einzelner Provinzen. Mit großen Schwierigkeiten hatten die Behörden bei der Organisation der Landwehr gegen Mennoniten, Juden, Polen, Kassuben und Wenden zu kämpfen (S. 300). Zahlreiche Untertanen in Berlin, Potsdam, Breslau, Brandenburg, Frankfurt a. O. versagten auch zeitweilig. ln Mecklenburg waren die Bauern, wie bisher unveröffentlichte und unbenutzte Briefe von Pfarrern (Kabinettsakten im Schweriner Geh. und Hauptarchiv) berichten, fast gar nicht zur Meldung als Freiwillige zu bewegen. Sie kannten nur ihr Vaterdorf, kein Vaterland; der Soldätenstand war in ihren Augen kein ehrenvoller. Leibeigenschaft und Aberglaube trugen das Meiste zu ihrer Gesinnung bei. Die Juden dagegen stellten dort das größte Contingent der Freiwilligen. Auch 1870 standen manche Schichten der Bevölkerung abseits und konnten sich nicht für die große Sache begeistern. Trotzdem bleibt die Erhebung von 1813 ein Ruhmesblatt in der vaterländischen Geschichte und ist ebenso bewundernswert wie die von 1870. Aber den errungenen Siegen von 1813 folgte die bittere Enttäüschung. Wenige Jahre darauf sagte Schleiermacher auf der Kanzel seiner Gemeinde: »Es war ein Irrtum, als wir hofften, nach dem Frieden behaglich auszuruhen, jetzt ist eine Zeit gekommen, wo nicht selten schuldlose und gute Männer verfolgt werden, nicht nur um ihrer Handlungen willen, auch weil man bei ihnen Absichten und Entwürfe voraussetzt.« Viele von den Führern der patriotischen Bewegung von 1813 wurden als ge- Jährliche Männer verfolgt. Preußens auswärtige Politik wurde in Wien und Petersburg diktiert. Nicht lange, und sein Einfluß auf die Geschicke Europas ward geringer, als er unter dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm gewesen war1). Es wagten sich wieder die Gegensätze hervor, die Befehdung 1J Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit IV.