Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 8)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 89 unterrichtet sei. Aber warum die ohnedies so schmerzende Grenze der Rassen noch schärfer ziehen? Wozu die Nationalitätenfrage zu den äußersten Konsequenzen führen? Und er eifert gegen den Geist der Absonderung, gegen die Vertretung der Sonderinteressen, deren sich sein Volk in den letzten Jahren schuldig gemacht. Dr. Geist will aber einen flammenden Protest dagegen eingelegt wissen, daß man sein ganzes Volk mit einigen jüdischen.Gaunern identifiziere . . . eine Rasse, die mit einer Religion identisch sei wie kein anderes Volk, befähigt unter sich strenges Gericht und stramme Selbstzucht zu halten. Israel könne eine große, weltbeglückende Tat vollbringen! Das müsse die Antwort auf den Antisemitismus sein, nicht aber ein feiges Aufgehen, ein planloses Verschwinden in einer Kultur, um die die Juden und die Christen zum mindesten gleichwertiges Verdienst haben. Wieder allein, denkt David über das Gehörte nach. Der wichtigste und bestreitbarste Punkt war die Fähigkeit des jüdischen Volkes ein derartiges Gemeinwesen zu bilden. Er läßt die Glieder seiner eigenen Familie im Geiste in Reih und Glied antreten, um über sie Musterung zu halten. Die fällt nun über Erwarten günstig aus. Sein Vater, sein Oheim Rüben, die alte Sarah, Raphael, der Pfarrer Joseph, die stille Mirjam (Raphaels Mutter), ja selbst der orthodoxe Branntweinhändler Nathan, sie alle ließen sich in den neuen Rahmen ohne sonderliche Schwierigleiten denken. Der einzige, der nicht paßte, war Baron Isak. Aber mußten große, sittliche Forderungen unerfüllbbleiben, weil einzelne Individualitäten dabei nicht ihre Rechnung finden? Auch Baron Isak konnte seinen Platz im Judenstaate Dr. Geists finden. An starken Intelligenzen — mögen sie noch so gefährlich, destruktiv und egoistisch erscheinen — kann der soziale Fortschritt nicht scheitern. Werke zu schaffen — war die Aufgabe des vergangenen Jahrhunderts. Das Geschaffene zu verteilen — wird die des kommenden Jahrhunderts sein. »Seit jeher haben es die Juden verstanden, für ein sittliches Bedürfnis die denkbar richtigste Formel zu finden. Moses, der die zehn Gebote