Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2829132-2829866-2829869-2893329--41674-2893387- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
des zwanzigsten Jahrhunderts. 87 Fühlung mit den Führern der christlich-sozialen Partei, und der Sammelpunkt wird das Haus *des ehemals jüdischen Paramentenhändlers. In Pfarrer Josef, diesem Reise des uralten, ehrwürdigen Stammes, sammelt sich wie in dem Brennpunkt einer Linse der schwärmerisch-mystische Sinn Raphaels, die opferfreudige, unbeugsame Gläubigkeit der alten Sarah, die orthodoxe Strenge Rubens (seines Großvaters von Vatersseite) und die unheimliche, rücksichtslose Energie Isaks. David behandelt nun den kranken Jonathan, und es entspinnt sich ein Kampf zwischen ihm und dem Pfarrer, denn dieser hat es auf die Seele des reichen, kranken Erben abgesehen. Dadurch, daß der Geistliche dem Kranken Genesung verspricht, gewinnt er die Oberhand. Jonathan wird getauft trotz dem anfänglichen Widerstande Isaks, der sich seinerzeit auch dem Abfalle seines Sohnes mit der Drohung der Enterbung widersetzt hatte. In ihm herrschen eben die größten Gegensätze. Er konnte heute eines Gewinnes wegen kaltblütig viele tausend Familien brotlos machen und morgen einer Wohltätigkeitsanstalt ein fürstliches Vermögen schenken. Ihm ist nur das Erwerben Genuß; der sechzigjährige Mann und der Knabe sind sich darin gleich geblieben. David bleibt ungeachtet der Taufe Jonathans dessen Arzt und Freund, weil es ihm ein Werk der Humanität erscheint, den rettungslos Verlorenen nicht zu verlassen. Beide, Josef und David, beseelt in ihrem Berufe dieselbe Tatkraft, wie Isak in seinem Kreise. Alle finden sie Lohn und Befriedigung nicht im äußeren Erfolge, sondern in der Betätigung ihrer Begabung. Dabei ist der Pfarrer keineswegs ein Antisemit in dem gewöhnlichen Sinne; er hält die Bewegung nur für die Vorbereitung einer besseren Zeit. Das Christentum soll lebendig werden (ein Versuch, der seit fünfzehnhundert Jahren immer wieder erneuert wird), man soll das ungerechte Geld als brennenden Schandfleck empfinden, jauchzend die Armut umarmen, »dann wird Israel seine welthistorische, schaurige (?) Mission erfüllt haben und man wird nicht mehr Reichtum und Elend, nicht mehr Juden und Christen, nur Sittliche und Unsittliche unterscheiden.« »Das wäre eine schöne Gerechtigkeit,« ruft David, »eine ganze