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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1915-01-01 · Heft 2 · p. Seite 86

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
59 (1915)
Issue
Heft 2
Article
Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
Date
1915-01-01
Page
Seite 86 (sequence 5)
Language
German
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86 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman gebrauch der Menge? So muß David denken. Auch als Redakteur wird er mißbraucht. Der Urgermane Kuno Müller schmuggelt unter Davids wohlbekannter und berühmter Chiffre einen Artikel ein, der gerade das Gegenteil von Davids Ansichten vertritt; er ist eben von der Partei, die davon Nutzen hat, bestochen, der wackere Urgermane. »Da — sieh mich an,« ruft David, »mich den armen, verachteten Juden, mit dem du auf den Barrikaden gestanden bist! Sieh mir ins Auge und dann sage mir, daß du noch ein ehrlicher Mensch bist!« So stehen sie einander gegenüber, der Urgermane mit seinem wehenden Barte und seiner breitschulterigen Gestalt und der schmächtige Jude«. David, schwer enttäuscht, verläßt seine Stellung, nimmt seine medizinischen Studien wieder auf und wird praktischer Arzt. Als solchen ruft ihn eines Tages Isak, nun ein sehr reicher, vornehmer Herr, zu seinem Sohne, einem gebrechlichen, geistig verkrüppelten Kinde. In Arabella, der Mutter, findet er eine jener durchaus edlen, vornehmen Frauengestalten, die der alte Stamm Israel zu jeder Zeit erzeugt. Der Sohn ist ein häßlicher, dummer Junge, der weder die Schönheit von der Mutter, noch den Geist vom Vater ererbt hat. Ein Menschenalter ist vergangen. Man schreibt 1895. Der Paramentenhändler ist fettleibig und kahlköpfig geworden. In dem geistreichen Gesichte Davids mildern das lange weiße Haar und der weiße Bart den leidenschaftlichen Ausdruck. Friede und Wohlwollen sprechen jetzt da, wo früher Kampfesfreudigkeit und Begeisterung geleuchtet. Raphaels Sohn ist Geistlicher, hat anfangs in Rom am päpstlichen Hofe gelebt, sich aber plötzlich in ein unbedeutendes Dorf in der Nähe Wiens versetzen lassen. Isak ist Baron, sein Sohn Moritz ein Lebemann, dekadent in jedem Sinne des Wortes, dessen Sohn Jonathan ein herzkranker Knabe. Alle wohnen in Wien. Pfarrer Goldschild zeigt in dem kurzgelockten, schwarzen Haar und dem ausdrucksvollen Mienenspiel das semitische Blut, ist aber baumstark, in seinen Zügen herrscht nichts als ehrlicher, kindlicher Glaube und sittlicher Ernst, allerdings fanatisch kirchlich. Er sucht und findet

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