Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 2)
- Language
- German
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Die Darstellung der Juden im deutschen Roman 83 war, das der christlichen Gesellschaft wieder erobert werden mußte«. Dieses Prinzip lautet: »Ein Recht für Alle.« Nun sind wir im Jahre 1850, und David ist zu Besuch in die Heimat zurückgekommen. »Die vorhergehenden Jahre verdienen mit gutem Rechte, besonders für die Juden, wahre Erlösungsjahre genannt zu werden. Aus dem vielhundertjährigen Streite war Israel als Sieger hervorgegangen. Alle Beschränkungen, alle Ausnahmsgesetze, durch die sich die vormärzliche Gesellschaftsordnung vor der jüdischen Intelligenz schützen zu müssen gemeint hatte, waren gleich Spreu vor dem Winde verflogen«. Das ist ohne jede hämische Nebenbemerkung oder gar Untersinn gesagt. Im Heimatsstädtchen wohnt sein Oheim als streng orthodoxer Rabbiner, mit ihm die achtzigjährige Mutter Sarah, so glaubenseifrig, daß sie ihrem Sohne kaum verzeihen kann, eine Frau geheiratet zu haben, die nicht ganz glaubensstark war. Sarah war nur die wahre Leidensgeschichte ihres Stammes (!) geläufig. Ein kurzer Abriß ihrer Familiengeschichte zeigt, wie der Verfasser über die furchtbaren Verfolgungen denkt. Ihr Enkel Raphael ist ein auffallend schöner Mensch mit krausem, blondem Haar und lichten, seelenvollen Augen, ein Schwärmer, ohne Verständnis für die Dinge des praktischen Lebens. Ihm sagt David: »Unser Volk kennt keine müßigen Träumer, wohl Denker und Wohltäter der Menschheit — aber keine Heiligen und verrückten Hysteriker. Unser Glaube erlaubt uns, Menschen zu bleiben.« Das sagt er, obwohl er den Glauben, d. h. wohl den äußerlichen Kultus der Väter, nicht mehr teilt. Beider Oheim, der Gott und Geld gleich leidenschaftlich liebende Nathan, hat seinem Sohn Isak die krummen Beine, die starke Hakennase, aber auch den Erwerbssinn vererbt. Isak denkt im Gegensatz zu David, der für Freiheit begeistert ist und eine neue Zeit für Israel gekommen sieht, sehr kühl, er sieht die Welt, wie sie wirklich ist, den Haß der Bürger gegen die Juden, die Roheit und Trunksucht der Bauern, die den frei gewordenen Boden »versaufen« werden. »Wer verkauft ihnen den Branntwein?« fragt Raphael. »Wer aber brennt den Branntwein, wer verpachtet uns die Gasthäuser? Etwa der Jude? Nein, der Christ, der Reiche, der Grundbesitzer! Und 6*