Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Eine spasshafte Prozessgeschichte mit ernstem Hintergrund
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 10)
- Language
- German
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74 Eine spaßhafte Prozeßgeschiehte mit ernstem Hintergrund. Besorgte, Glückliche und Unglückliche aus tief bewegtem Herzen und haben dabei den vierbuchstabigen Namen Gottes, den sie nicht einmal aussprechen würden, selbst wenn sie die Aussprache wüßten, die aber nur den Bibelkritikern bekannt ist, im Gebetbuche vor Augen. Nun denke man sich, wie einem solchen betenden Juden zu Mute sein mag, wenn er von dem Schmutz weiß oder erfährt, den Fritsch über Jahwe, der für den Juden der Gott des Himmels und der Erde ist, ausgießt. Mußte Prof. Kittel dies sich nicht vor Augen halten, mußte er sich nicht sagen, daß es sich hier nicht um eine philologische, nicht um eine geschichtliche Frage, sondern um eine gottesdienstliche, eine religiöse, eine Gefühlsangelegenheit handelt, von der allein der jüdische Centralverein bei seiner Klage ausgegangen ist, und über weiche Kittel als Christ gar kein Urteil hat und vielleicht nicht einmal haben kann? Ich glaube kaum, daß, wenn der Mittelpunkt einer derartigen Prozeßsache Christus wäre, irgend ein Rabbiner der Welt wagen würde, sich auf die Abgabe eines Gutachtens, wenn ein Gericht es von ihm verlangte, einzulassen. Diese Resignation ist selbstverständlich. Prof. Kittel hatte sie nicht. Auch gut. Es gab für ihn immer noch einen Standpunkt, den er hätte einnehmen können, den er sogar manchmal in seinem Gutachten quasi per nebulam, wie Spinoza sagt, streift. Das war: zu sagen, der Jude betet unter dem Namen Jahwe (wenn er ihn auch nicht ausspricht) zu dem׳ Gott, ■zu dem wir alle beten, Christen und Juden., und da die Juden eine anerkannte Religionsgesellschaft bilden, so ist seine Beschimpfung unzweifelhaft eine Gotteslästerung, so unzweifelhaft, wie es eine Majestätsbeleidigung ist, wenn einer von dem deutschen Kaiser als von dem deutschen Caesar, oder dem deutschen Basileus, oder dem deutschen Melech usw. etwas Ehrenrühriges aussagen würde. Was tut aber Kittel? Er. bedauert höhnisch, »daß es dem Kläger nicht möglich war, einen mit etwas mehr geschichtlicher Einsicht begabten Gutachter namhaft zu machen« (S. 58), wirft beiden jüdischen Gutachtern vor, »daß sie nicht« — man achte auf den Ton! — »gelernt haben, ihre Bibel geschichtlich anzusehen« (S. 62), und daß sie von