Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Eine spasshafte Prozessgeschichte mit ernstem Hintergrund
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 9)
- Language
- German
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Eine spaßhafte Prozeßgeschichte mit ernstem Hintergrund. TB 23, 8.) Ich habe übrigens das biblische Nächstenliebegebot bereits vor vierzig Jahren in einem Schriften Wechsel mit Hilgen feld in dem hier vorgetragenen Sinne dargestellt, und vor zwei Jahren habe ich in der »Freien jüdischen Lehrerstimme« entscheidend nachgewiesen, daß die Stelle nicht zu übersetzen ist: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst,« sondern: »Liebe deinen Nächsten als deinesgleichen!« Davon weiß natürlich Prof. Kittel nichts, oder will nichts davon wissen. Aber »seinesgleichen« ist für den Israeliten jeder Mensch, und in diesem Sinne hat schon R. Akiba das Gebot 3. Mos. 19, 18 nicht etwa auf die allgemeine Menschenliebe »ausgedehnt«, sondern erklärt, indem er gezeigt hat, daß dieses Gebot auf die gleiche Gottesebenbildlichkeit aller Menschen sich stütze, daher auch die allgemeine Menschenliebe fordere. Ich habe mich bei diesem Gegenstände etwas länger aufgehalten, um zu zeigen, daß die Art, wie ihn Kittel nach seiner Meinung wissenschaftlich behandelt, doch nur — ich sage unbewußt — aufgeblasene Oberflächlichkeit ist. Leider kann ich über die Behandlung, die Kittel dem Hauptgegenstand seines Gutachtens widmet, bei aller Hochachtung vor der Gewissenhaftigkeit Kittels, kein milderes Urteil fällen. Ich kann mich überhaupt über den ganzen Vorgang nicht genug wundern. Es ist in meiner Laufbahn oft genug vorgekommen, daß ich über eine jüdisch-religiöse Angelegenheit um ein gerichtliches Gutachten angegangen wurde. Aber es ist niemals vorgekommen, daß das Gericht in einer solchen Angelegenheit auch von dem Fürsterzbischof oder von einem anderen christlichen Geistlichen ein Gutachten abverlangt hätte. In Leipzig dachte man in diesem Punkte anders. Gut. Wenn nun Prof. Kittel über die Klage des, sagen wir kurzweg jüdischen Centralvereins um ein Gutachten ersucht wurde, so mußte er sich doch sagen, daß hier etwas vorliege, was dem Centralverein und man kann wohl sagen dem ganzen deutschen Judentum tief ins Herz schnitt. Allen den tausenden von Juden ist Gott, den Fritsch unter dem Namen Jahwe beschimpft und besudelt, das Heiligste, was es für sie gibt. Zu ihm beten Eltern und Kinder, Greise und Jünglinge, Kranke und Gesunde, Frauen und Mädchen, Verzweifelte,