Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Eine spasshafte Prozessgeschichte mit ernstem Hintergrund
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
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70 Eine spaßhafte ProzeJJgeschichte mit ernstem Hintergrund. Größere, als gegen Fritsch, den Prozeß in letzter Instanz gewonnen hat. Ich gestehe, daß ich mit Kittel übereinstimme, wenn er sagt: »So stark man also Fritschs Vorgehen mißbilligen mag, es bleibt meine Überzeugung, daß man ihm weder von seiten des Judentums noch des Christentums auf gerichtlichem Wege beikommen kann. Der Fluch der Lächerlichkeit ist empfindlicher und tätlicher als gerichtliche Strafen. Er macht keine Märtyrer, sie machen sie.« (S. 79.) Dem Toren zu antworten wird einmal empfohlen, ein andermal widerraten. (Spr. Sal. 26,4 u 5.) Hier war das Letztere am Platze. Ich bekenne, daß ich, wenn ich um ein Gutachten angegangen worden wäre, einfach geantwortet hätte: Fritsch kann Gott nicht beleidigen, und Jahwe ist Gott. Ob das Gericht mit einem solchen Gutachten hätte etwas anfangen können, weiß ich nicht, aber das weiß ich, daß ich damit der Sache Gottes und des Judentums mehr gedient hätte, als mit einem Gutachten, »in Verfolg dessen« Fritsch verurteilt, und wie Kittel richtig sagt, zum Märtyrer gemacht worden wäre. Der Ernst der Sache liegt viel-, mehr in dem Schaden, der durch eine einseitige Bibelkritik der Wissenschaft überhaupt, natürlich auch der vom Judentum zugefügt wird. Die protestantischen bibelkritischen Theologen sollten zunächst vor ihrer eigenen Tür kehren, will sagen, das Neue Testament kritisch behandeln und dadurch ihre Unbefangenheit dokumentieren; das tun sie aber garnicht oder nur oberflächlich, dagegen werfen sie sich mit schrankenloser Rücksichtslosigkeit (woran übrigens, wenn sie auf beide Testamente gleichmäßig angewendet würde, nichts auszusetzen wäre) auf die Jüdische Bibel, und hier machen sie es wie im jetzigen Weltkriege die Russen, die zu Hause nicht mucksen dürfen, aber in den von ihnen okkupierten Gebieten nach Willkür hausen. Fragt man jene bibelkritischen Theologen: »Ist Jesus Gott, oder ist er ein Mensch, und hat er als solcher auch gefehlt, oder ist er sündenlos gewesen?« — Fragen, von denen, wie jeder gestehen wird, die Beurteilung des Neuen Testaments in höherem Grade abhängig ist, als die der Tora von der Frage der Einheitlichkeit oder Uneinheitlichkeit derselben, — so erhält man keine Antwort. Selbst Wellhausen, der Chorege