Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der Weltkrieg und das Rasseproblem
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 3)
- Language
- German
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Der Weltkrieg und das Rasse prob! em. 61 denken, daß wir Deutsche uns durch die seit einem Menschen• alter von den Anhängern der Rassetheorie einem großen Teil unserer Jugend eingeimpfte Überhebung bei andern Völkern nicht gerade beliebt gemacht haben. Es ist sicher, daß die Feind• schaft, von der wir jetzt auf allen Seiten umgeben sind, nicht nur aus wirtschaftlichen und politischen Gründen, sondern auch aus der Abneigung zu erklären ist, die ein so überspanntes Rassegefühl gegen uns erwecken mußte. Mit Recht haben sich daher die besten Geister unseres Volks mißbilligend über das Treiben der Rassefanatiker ausgesprochen. So entnehme ich einem Aufsatz in einem kürzlich erschienenen Hefte einer angesehenen und durchaus national gesinnten Zeitschrift folgende beachtenswerte Ausführung: »Als ich ein Junge war, zur Zeit des deutsch-französischen Krieges, da spottete Groß und Klein des frechen Worts von der »grande nation«, die an der Spitze der Zivilisation marschiere. Um kein Haar vernünftiger ist es, wenn jetzt bei uns eine phantastische Lehre sich breit macht, die mit den luftigsten Gründen allen europäischen und außereuropäischen Stämmen außer den germanischen die Fähigkeit schöpferischer Kultur abspricht und alles Große, Fruchtbare, Dauernde, das jemals von Menschen geleistet wurde, als germanisches Verdienst betrachtet, die den Italienern ihren Dante, Petrarca, Lionardo, den Franzosen ihren Rabelais und Moliere nimmt und sie für Kinder germanischen Bluts erklärt, die auch die hellenische Herrlichkeit und selbst das Wirken des Juden Jesus auf Gott weiß was für blondhaarige, herrenschädelige Germanenbeimischung zurückführt! Man könnte sie verlachen, diese Träume. Aber sie sind eine offenkundige Weltgefahr, und welchen Schaden sie der Ehre des deutschen Namens zufügen, welchen begreiflichen und berechtigten Hohn und Haß sie bei allen Völkern der Erde gegen uns erregen, läßt sich gar nicht absehen. Die Erfinder und Verbreiter dieses Dogmas vom auserwählten Kulturvolk dünken sich Apostel des nationalen deutschen Evangeliums und Schatzgräber des versunkenen nationalen Charakters. In Wahrheit aber kann man nichts aussinnen, das