Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ein Feldpostbrief statt der Fortsetzung einer wissenschaftlichen Abhandlung
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829866-2829869-2893325--41639-2893356- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
56 Ein Feldpostbrief statt der Fortsetz. ein. Wissenschaft!. Abhandlung. Und nun begann mit dem Liede: »Freut Euch des Lebens, solang noch das Lämpchen glüht« der gemütliche Teil des Abends, an dem nur noch einmal ernstere Saiten angeschlagen wurden durch die kurze markige Rede unseres Feldwebels Nobis, der auf kurze Zeit zur Kompagnie herübergekommen war. Die Nacht, die ich wieder bei R. Hirsch Lewkowicz zubrachte, verging ohne Alarm, und Sonnabend früh erhielt ich von 9—12 Urlaub, um auch meinen Gottesdienst zu besuchen. Bei einemChoßid, einem reichen Holzhändler in der Nähe, kam Minjan zustande. In einem sauberen, nicht allzu großen Zimmer hatten sich etwa 15 Männer und 5 Knaben versammelt, nebenan in der Küche beteten die Frauen. Für deutsche Ohren und Augen ist so ein polnischer Gottesdienst gerade kein besonderer Genuß. Ein jeder betet ziemlich laut für sich, und alle 15 Stimmen suchen die Stimme des Vorbeters zu durchdringen. Daß auch die Luft in diesem engen Raume, besonders für einen, der fast drei Monate sich nur im Freien aufgehalten hat, nicht vorzüglich war, ist klar. Doch die so lang entbehrte Gelegenheit, nach so langer Zeit wieder ein״ mal unter Juden nach althergebrachter Sitte an einem Gottesdienst teilnehmen zu können, ließ mich bald alles vergessen. Ja, bald betete man andächtiger als je, denn ist man einmal in der richtigen Stimmung, so erscheint einem fast jedes Wort unseres Gebets — vorausgesetzt, daß man es versteht — wie direkt aus der innersten Seele gesprochen. Hunderte solcher Stellen hätte ich Dir heute anführen können. Die erstaunten Gesichter aber hättest Du sehen sollen, als ich die Haftarah, die mir auf einen Wink meines Wirtes übertragen worden war, nach unserer Singweise vortrug. Diese polnischen Juden trauen uns deutschen Juden doch auch gar nichts zu, und sie waren wahrhaftig ganz erstaunt, nachher zu hören, daß man auch in Breslau und in Deutschland Chummesch mit Raschi versteht und eine Ahnung von Getnoro, Mischnajos und Midrasch hat. Nach dem Gottesdienst wollte mich jeder einladen, um aus erster Quelle über deutsche Zustände und Erfolge informiert zu werden. Doch den vielen Fragern entriß mich Reb Heische! und nahm mich nach Hause, wo es Schalent (diesmal Kartoffel in