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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1915-01-01 · Heft 2 · p. Seite 55

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
59 (1915)
Issue
Heft 2
Article
Ein Feldpostbrief statt der Fortsetzung einer wissenschaftlichen Abhandlung
Date
1915-01-01
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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Ein Feldpostbrief statt der Fortsetz. ein. wissenschaftl. Abhandlung. 55 Art aufgehoben. Es gäbe im Felde keine Katholiken, keine Protestanten, keine Juden, keine Zentrumsleute und keine Sozialdemokraten, keine Polen und keine Dänen oder Lothringer, sondern nur Deutsche, wie es schon unser Kaiser betont hätte; und wolle man durchaus einen Unterschied machen, so gebe es bloß gute und schlechte Soldaten, gute und schlechte Menschen. Und zweitens dürfte ich mich deshalb nicht ausschließen, weil die gemeinsam bestandenen Kämpfe uns alle so auf das engste miteinander verknüpft hätten, denn auch die feindliche Kugel mache keinen Unterschied swischen den Einzelnen. Also nur als Mensch fühlte und empfände ich an diesem Abend, und ich empfände es ebenso schmerzlich wie alle andern, diesen Abend nicht mit meinen Angehörigen verleben zu können. »Das Weihnachtsfest« so führte ich weiter aus, »ist für Euch ein Friedensfest. Ihr glaubt, daß an diesem Tage der Erlöser der Welt erschienen sei. Man mag darüber, besonders wenn man diesen schrecklichen Krieg im Auge hat, verschiedener Meinung sein, aber wünschen kann auch ich nur von Herzen, daß die Idee des Weihnachtsfestes, die Idee des ewigen Weltfriedens, sich bald verwirklichen möge, und daß die Gebete, die wir an jedem Abend, so heute ganz besonders, zum Allmächtigen für uns emporsteigen lassen, bald in Erfüllung gehen mögen. Doch wir wollen nicht bloß von Gott etwas erbitten, sondern wollen ihm auch danken dafür, daß er uns hat diesen Abend erleben lassen, während schon so manchen unserer Freunde die Feindeskugel von unserer Seite riß, und danken wollen wir daneben auch den Kameraden, die draußen in den Schützengräben die Wache halten und es uns ermöglichen, in relativer Ruhe diesen Abend zu verleben. Und noch ein drittes Gefühl steigt in uns auf. Der deutsche Soldat darf nicht bloß trüben Gedanken nachhängen, sondern er soll auch die Freuden dieser Welt genießen, muß auch fröhlich sein; wo die Gelegenheit sich bietet. »Carpe diem«, den Tag zu genießen, sei nun, nachdem durch zahlreiche Weihnachtslieder dem ernsten Charakter das Festes Rechnung getragen worden ist, die Mahnung. Denn wer weiß, wie lang wir hier auf Erden noch weilen werden«.

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