Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ein Feldpostbrief statt der Fortsetzung einer wissenschaftlichen Abhandlung
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
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Ein Feldpostbrief statt der Fortsetz. ein. wissenschaftl. Abhandlung. 57 Fett gebacken), »Kugel« und Fleisch gab. »Ach, wenn es doch immer so bliebe«, dachte ich mir im Stillen. Kurz ich war glücklich, einmal nach Herzenslust den ganzen Tag ganz »koscher« leben zu können. Um 6 Uhr abends war Gottesdienst für die evangel. Mannschaften angesagt, ich glaubte also sicher vor Alarm zu sein, machte noch ruhig Hawdolo mit und schleuderte in der Nähe meines Quartiers auf den Gassen herum. Doch afs ich wieder einmal um die Ecke biege, sehe ich zu meinem Schrecken meine Kompagnie schon feldmarschmäßig antreten. Na, ich schnell wie ein geölter Blitz zurück, werfe Mantel, Tornister, Koppelzeug und Gewehr über die Schulter und verfüge mich schleunigst an meinen linken Flügel. Eine Minute später, und es hätte entchieden Strafwache gesetzt Zum Glück war es nur blinder Alarm gewesen. Die Evangelischen gingen, so wie sie angetreten waren, zur Kirche, die anderen konnten mitgehen oder Zurückbleiben. Ich ging aus Neugierde mal mit und konnte dabei die wirklich schöne Kirche betrachten. So arm und schmutzig Polens Dörfer oder Städtchen sein mögen, das Gotteshaus ist immer sauber und schön ausgebaut Den Gottesdienst leitete ein junger Geistlicher, äugenscheinlich ein Kandidat, in Reitstiefeln, nur kenntlich an dem schwarzen hochgeschlossenen Rock. Der Predigt, die nicht viel Wert hatte, lag das bekannte Kapitel aus Jesaj. ילד ילד לנו zu Grunde. Gern möchte ich doch auch mal einem jüdischen Feldgottesdienst beiwohnen; aber bis jetzt habe ich noch keinen Feldrabbiner bei unserem Korps gesehen. Es wäre aber auch sehr schwer, wenn ich bedenke, daß bei unserem Bataillon, wenn nicht gar bei unserem ganzen Regiment, ich allein von den vielen Juden, mit denen zusammen ich auszog, übrig geblieben bin. Umso größer wäre daher meine Freude, wenn ich Dir wenigstens hätte berichten können, daß die in Aussicht gestellte Belohnung für meinen, Dir s. Zt beschriebenen Patrouillengang, dennoch gleichsam als Weihnachtsgeschenk eingetroffen sei. Doch bis jetzt ist noch nichts da, ich