Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ein Feldpostbrief statt der Fortsetzung einer wissenschaftlichen Abhandlung
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
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54 Ein Feldpostbrief statt der Fortsetz. ein. Wissenschaft!. Abhandlung. blitzten und hinter uns unsere Artillerie ihre ehernen Grüße zum Feinde hinübersandte. Wehmütig dachte ich daran, daß es uns Juden nicht möglich war, ebenso vor dem Feinde das nicht minder herrliche Chanukkalied zu singen, das die Hasmonäerkämpfe schildert, mit welchen unser Krieg doch so manche Ähnlichkeit aufweist, und das mit der zeitgemäßen, hier zu Lande und heute, erst so recht verständlichen Bitte schließt: חשוף ורוע קדשך וקרב קץ הישועה, נקום נקמת דם עבדיך ממלכות יון הרשעה, כי ארכה הישועה, ואץ קץ לימי הרעה, דחה אדמון בצל צלמון, הקם לנו רועה שבעה* Doch das Weihnachtslied war noch nicht in allen seinen Strophen verklungen, da erscholl schon das unerbittliche Kommando: »An die Gewehre«, und weiter ging es nun in lautloser Stille in die dunkle Nacht hinaus über die glitschigen Sturzäcker bis an ein Dorf Samice, wo wir Deckungsgräben auswarfen, diese durch Stroh und Bretter so wohnlich wie möglich machten und in ihnen übernachteten. Freitag im Morgengrauen zogen wir, da ein feindlicher Angriff nicht erfolgt war, wieder den langen Weg nach der Stadt zurück in unsere alten Quartiere, wo natürlich alles schon verschwunden war und von den Kompagnien, die an unserer Stelle als Reserve hinauszogen, herbeigeschafft werden mußte. Ich suchte wieder meinen alten Quart!’erwirt auf, bei dem ich natürlich wieder freundlich aufgenommen und sogleich für שבת eingeladen wurde. Der Nachmittag verging schnell mit Appellen, Gewehrreinigeu, Sachen instandsetzen etc. Am Abend machte ich dann 2 Feiern mit, die erste bei R. Hirsch Lewkowicz, wo es eine köstliche Nudelsuppe und Fleisch gab, und dann die Weihnachtsfeier mit meinen Kameraden, wo es zwar nicht so splendid (?) zuging, wo aber dafür mehr getrunken wurde: Bier, Tee, Rum, Cognak. Besondern Anklang fand es bei allen, äls ich nach einigen Liedern als einziger eine kleine Ansprache an die Kameraden hielt. Ich führte aus, daß ich als Jude aus zwei Gründen einRecht hätte, diesmal dieses»Familienfest« hier im Felde mitzufeiern. Einmal habe der Krieg, den wir um Deutschlands Existenz führen, alle Unterschiede politischer und konfessioneller