Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ein Feldpostbrief statt der Fortsetzung einer wissenschaftlichen Abhandlung
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
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Ein Feldpostbrief statt der Fortsetz, ein. wissenschaftl. Abhandlung. 53 ein gebildeter, vermögender, noch junger Mann, der unserer Kommandantur bei der Beschaffung von Lebensmitteln etc. behilflich gewesen war, wurde von den Russen zum Tode verurteilt, konnte aber noch rechtzeitig flüchten. Sein gesamtes bewegliches und unbewegliches Vermögen jedoch wurde von den Russen beschlagnahmt. Mit uns Deutschen ist auch er jetzt mit vielen anderen Juden nach Skiernewice zurückgekehrt. Die meisten dieser Juden nehmen an den kriegerischen Ereignissen ein größeres Interesse als so mancher unserer Soldaten. Nur die Steuer- Verhältnisse in Deutschland machen manchen von ihnen schon heute Sorge. Ich konnte ihnen darüber eine zufriedenstellende Auskunft geben und konnte ihnen mit den Worten aus der dieswöchentlichenSidraantworten: ועתה אל תעצבו ואל יחר בעיניכם, כי למחיה שלחני אלהים לפניכם. Vielleicht, meinte ich, hat uns Gott gerade dazu hergeschickt, um Eure Lage zu verbessern. Als ich von meinem Rundgangzurückkehrte, waren auch dieVorbereitungen für den Weihnachtsabend beendet. Ein Tannenbaum war auf dem Billard aufgestellt, behängen mit 2 Lichtern, 2 Äpfeln und weißem Seidenpapier. Als Unterlage diente ein Spucknapf. DieKompagnie hatte als Liebesgabe für jede Korporalschaft ein Fäßchen Bier, das man hier in einer polnischen Brauerei kaufen konnte (40 Pfg. den Liter) — etwas Wurst und Pfefferkuchen gespendet; ebenso wurden eine große Anzahl Pakete, die inzwischen unbestellbar geworden waren, weil die Adressaten tot oder verwundet waren, verteilt. Aber unser aller Freude auf einen gemütlichen Abend wurde zu Wasser, denn unerwartet mußte unser 3. Bataillon nachmittag 3 Uhr als Brigadereserve wieder nach vorn abrücken. Alles mußte im Stich gelassen werden, nur die wenigen Eßwaren wurden noch schnell verkonsumiert Unterwegs machten wir eine kleine Pause, um Kaffee zu empfangen, da stieg — es war inzwischen dunkel geworden — aus 300 Kehlen der herrliche Choral des Weihnachtsliedes zum Himmel. Es ergriff auch mich als Juden eine ganz eigenartige Stimmung, als ich dieses Lied hörte, dessen Inhalt ich natürlich doch nicht so empfinden konnte wie meine Kameraden, während weit von vorn feindliche Raketen und Leuchtkugeln auf-