Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ein Feldpostbrief statt der Fortsetzung einer wissenschaftlichen Abhandlung
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
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Ein Feldpostbrief statt der Fortsetz. ein. wissenschaftl. Abhandlung. 51 zu benutzen, um uns etwas einzukaufen. Hatten wir doch noch von 3—4 Löhnungen Geld, das bisher so gut wie unbenutzt im Beutel gelegen hatte. Aber ehe wir uns in unserem Quartier zurechtgefunden hatten, — ich sollte mit 20 anderen in einem ehemaligen Restaurationszimmer liegen, in dem noch ein französisches Billard stand — und ehe wir uns und unsere Bude wenigstens einigermaßen hatten reinigen können, waren die Läden schon geschlossen worden. Mir behagte, wie Du Dir denken kannst, das enge Nachtquartier, wo es nicht einmal Stroh gab, absolut nicht, und so suchte ich denn (wie schon oft) ein Extraquartier, das ich denn auch bald, nur 2 Häuser weiter, bei einem nicht unbemittelten, »bekoweten« Juden, namens Hirsch Lewkowicz (genannt R Herschel Maggid), fand. Gastfreundlich wurde ich natürlich mit dem hier stets fertigen Tee und mit etwas Zuspeise bewirtet. Auf dem bequemen Sofa in der Wohnstube wurde mir ein weiches Nachtlager zurechtgemacht. Du kannst Dir denken, wie man sich freut, nach vielleicht mehr als 4 Wochen wieder einmal in einer sauberen Stube am gedeckten Tisch zu sitzen, aus einem Teller mit Messer und Gabel zu essen, und noch dazu streng koscher, und ein anständiges Nachtlager zu haben. Wie gern hätte ich 10 mal שהחינו machen mögen. Und das Nachtlager! Ich war gar nicht mehr gewöhnt, weiche Kissen unter und über mir zu haben, und ohne Kleider und Stiefel zu schlafen! Wie neugeboren stand ich schon frühmorgens auf, um auch meinerseits die oft gelesene Mahnung zu befolgen, und mein Geld unter die Leute zu bringen. Ich müßte sagen »unter die Juden« zu bringen, denn die Polen sind hier viel zu bequem, um etwas zu kochen, zu backen etc. und zu verkaufen. Sie können nur mit scheelen Blicken auf die Juden sehen, welche bei ihren Geschäften sehr gut auf ihre Rechnung kommen. Alle paar Schritte sieht man Juden-Frauen und Kinder, diese manchmal etwa 6—8 Jahre alt, Tee, Zigaretten, Bonbons oder ähnliches feilhalten. Viel Auswahl hat man freilich nicht, denn jeden Tag kommen andere Regimenter und die Zufuhr, die sonst von Warschau kam, hat schon längst aufgehört. Wollte man noch 4*