Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ein Feldpostbrief statt der Fortsetzung einer wissenschaftlichen Abhandlung
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
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50 Ein Feldpostbrief statt der Fortsetz. ein. Wissenschaft!. Abhandlung An einem seiner letzten Lebenstage schrieb er an einen Kommilitonen einen ausführlichen Bericht über seine letzten Erlebnisse. Wir lassen ihn hier folgen und haben nur etliche geringfügige Kleinigkeiten über Lebensmittelpreise u. dgl. fortgelassen. M. Br. d. 27. XII. 1914. Lieber Maxi Es hätte Dich als Theologen sicherlich mehr interessiert, und mich hätte es gleichfalls unverhältnismäßig mehr erfreut, wenn ich Dir hätte beschreiben können, wie ich als Jude Chanukka im Felde verlebt habe. Doch da hätte ich Dir nichts Erfreuliches mitzuteilen. An jenen Abenden, da man daheim die Lichter zündete, Feste und Kinderbescherungen beging, lag ich meistens hart vor dem Feind im Schützengraben, oder war mit der ganzen Kompagnie in einer zugigen Scheune einquartiert, oder schlief, wenn ich besonderes Glück hatte, in schmutzigen, niedrigen Bauern- Stuben. Und wenn man wirklich einmal ein Licht besaß und es gar anzünden durfte, so ging man damit so sparsam um wie nur möglich, um im Falle eines Alarms nicht im Dunkeln herumtappen zu müssen. Also mit besonderen Chanukkaerlebnissen ist es nichts. Aber desto ausführlicher kann ich Dir darüber Auskunft geben, wie ich, denke Dir, zum ersten Mal Weihnachten mitgefeiert habe. Wir waren zu unserer größten Freude am 23. nachmittags aus unserer gefährlichen Vorderstellung abgelöst worden und marschierten etwa 272 Stunden zurück in die ziemlich große Stadt Skiernewice, die wir vor 14 Tagen bereits ohne Aufenthalt passiert hatten. Damals hatten wir von der ganzen Stadt nur das wunderbare kaiserliche Schloß gesehen, das der Zar jährlich aufzusuchen pflegt, um in der nahen Fasanerie und den vielen Wäldern ringsum zu jagen. Jetzt liegt der Stab der . . Division darin. Als wir nun am 23. abends, nachdem wir bis an die Knöchel hatten im Schmutz waten müssen, in das Städtchen einzogen, lag uns allen weniger daran, die Schönheiten (?) der Stadt zu bewundern, als vielmehr daran, die seltene Gelegenheit,