Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 582 (sequence 21)
- Language
- German
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582 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman Dein Vater ist ein rechter Mann, einer von denen, die in der Löwengrube und im Feuerofen fest geblieben wären. Deine Mutter ist eine fromme Tochter ihres Volkes. Aber ihr steht allein in diesem Lande der verführerischen Schönheit. Sie werden kommen und sagen: Wirf von dir deine hochmütige Zurückhaltung l Erfasse die Hände, die wir dir entgegenstrecken I Gib auf, was dich von uns trennte! Du kannst einer der Unseren sein, wenn du nur willst! — Glaube ihnen nicht:! Sie höhnen. Sie wollen dich abwendig machen von dem einzigen, was das Leben erhalten kann, von dem Vertrauen zu dir und deinem Volke. Noch immer sind wir auserwählt. Gott hat uns seine Propheten gesandt. Aber wir haben sie verkannt, und an das Kreuz geschlagen (!?). Und nun ist unserVolk wie Christus verhöhnt, mit Staub und Blut bedeckt, ans Kreuz geschlagen. Aber wie er auferstand, so werden wir auferstehen.« So hat nie ein Jude, und gar ein polnischer gedacht, der den Namen »Christus« ja nie ausspricht und am wenigsten denkt oder gar glaubt, Christus sei auferstanden. Es ist eben die Ausdrucksweise eines großstädtischen, modernen Juden, der die eigene Volksseele nicht kennt und nur der Zeit seinen Zoll darbringt. Übrigens ist die Szene ganz unvermittelt eingefügt. Im Hause Abarbanells begehen die wenigen Juden der Stadt ihre Feiertage, das Neujahrsfest und dann den Versöhnungstag. Ein leises Summen geht durch die beiden Räume, in denen gebetet wird. Auf allen Gesichtern liegt eine schwere Müdigkeit; es sind verschlagene Gesichter und demütige Gesichter, und solche, denen man Stolz und ungebändigte Gier nach Freiheit ansieht, sie haben sich losgelöst von Allem, was sonst ihren Geist erfüllt. Erwerb und Lebensgenuß, die Menschen draußen und ihre Quälereien, Alles, Alles liegt in weiter Ferne, jenseits der starken Mauern des Hauses. Elias, der gleich den Andern fastet, weil er an den frommen Vater denkt, ist müde. Abarbanell