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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1914-01-01 · Heft 5 · p. Seite 581

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
58 (1914)
Issue
Heft 5
Article
Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
Date
1914-01-01
Page
Seite 581 (sequence 20)
Language
German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 581 leiden. Dieser Samuel hat auch, wie wir dann sehen, in seinem Zimmer stets vor dem Bilde der Maria eine Kerze brennen. Das hält er einfach für ein Hausmittel und gut fürs(!) Reißen, wenn man der Mutter Gottes eine geweihte Kerze anzündet. Jonathan löscht sie aus: »Sie reden von der Mutter Gottes und wollen Jude sein? Sie sind ja gar kein Jude mehr.« »Oho,« meint Samuel, »wissen Sie denn, was ich als Jude schon gelitten habe?« Ein andermal geht Jonathan mit einem hagern Mann in abgeschabtem, schwarzem Rock durch die Wiesen der Stadt. »Warum« fragt er, »tragen Sie einen schwarzen Rock wie die Juden in Polen?« »Weil ich selbst einer bin,« ist die Antwort, »und weil die Leute, mit denen ich zu tun habe, mir mißtrauisch entgegenkommen würden, wenn ich mich anders trüge als sie. Und ich brauche Vertrauen. Sie haben mich da unten in Palästina nötig ... Auch mein Bruder ist auf dem Wege von Kolomea nach Palästina gestorben. Wir Alle sterben nicht in der Heimat. Wir haben keine Heimat.« »Seien Sie mir nicht böse, Rappaport!« wirft Jonathan ein. »Ich habe eine Heimat. Mir ist hier wie jemandem, der in der Heimat ist.« »Jonathan!« sagt Rappaport, »was du Heimat nennst, ist ein Land der Verbannung. Nirgends hat der Jude ein Heim. Überall ist er geächtet und unwillig geduldet. Der Boden, in dem er verscharrt wird, ist ihm fremd und feindlieh. (Wenn moderne Juden so denken oder Glaubensgenossen so denken lassen, was sollen sich Christen dabei denken? Das ist ja eben der ewige (stets ungerechtfertigte) Vorwurf, daß die Juden Fremde sind und das Land, den Boden, auf dem sie und ihre Väter geboren wurden, nicht lieben können). Nur da unten in dem Lande, in dem wir arbeiten, ist unsere Heimat, ln dem Lande, das einst unser war. Wir werden es nicht erleben und unsere Kinder noch nicht. Aber unsere Kindeskinder, in hundert Jahren, die werden von Heimat sprechen dürfen. Ich will dir etwas sagen. Ich kenne deine Familie schon viele Jahre.

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