Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 58 (1914)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 580 (sequence 19)
- Language
- German
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580 Die Darstellungder Juden im deutschen Roman Juden auf diesem Standpunkte stehen geblieben sind, daß sie nicht unter denselben Bedingungen und Gesetzen leben, wie ihre Mitbürger? Dürfen versteinerte Redensarten bloß des Klanges wegen solchen Einfluß selbst auf Gebildete ausüben? »Wir haben seit achtzehn Jahrhunderten unsern Zorn aufgespeichert; seit achtzehn Jahrhunderten haben wir Energie gesammelt (hats den Juden in Palästina je daran gemangelt?); wir sind wie eine mit Riesenkraft gespannte Riesenfeder. Da wärs ein Wunder, wenn wir nicht verstünden zu hassen.« Wir könnten mit demselben Rechte wie Sebenhofer trocken erwidern: »Sie sind halt jung!« Er sei nicht jung, sagt Merian, nur müde und nur in der Sehnsucht noch stark, und das werde wohl das Erbteil seines Volkes sein (?). Religion sei ihm nichts, ein Unding, Aberglaube, Volkstum Alles. Nach einer Frühmesse (er sitzt gern in schönen Kirchen1), kann er Eva vor der brutal-fanatischen Wut der Kirchengänger retten, ebenso bald darauf einen alten Juden, dem die Straßenjugend anfangs nur ihr: Hepp, hepp zuruft. Der Alte ist das gewohnt, aber dann nimmt sein Gesicht auf einmal einen gequälten Ausdruck an, sein Selbstgespräch wird drohender, er mischt hebräische Brocken ein und ruft den Zorn des Ewigen auf Amalek herab. (Das sind merkwürdige Vorstellungen!) Als ihn aber die Kinder tätlich angreifen, verjagt Merian die Quälgeister, mit ihm ein siebzehnjähriger Mensch. Er heißt Jonathan Abarbanell (!), hat große dunkle Augen, die eine hochmütige Falte von einander trennt, große, schmale und leicht gebogene Nase Sein Blick zeigt nichts Sanftes oder Mitleidiges, ist vielmehr feindlich und abweisend. Er sagt Elias, den er an der Form des Hinterkopfes und an der Unterlippe als Juden e r k e n n t (der Verfasser ist Arzt), Samuel, der Alte, sei nicht verrückt, nur sonderbar, ihn und die wenigen Juden, die hier leben, möge er nicht *) Vgi. unten Oideons Auszug.